8 FRANZISKANER 3|2025 Die erste Frage ist eher naturwissenschaftlicher Art und Antworten geben uns beispielsweise die Biologie, die Medizin, die Soziologie und die Psychologie. Die zweite Frage ist die der Moral und der Ethik, die dritte die der Philosophie und der Theologie. Aus der vierten Frage, was der Mensch ist (Indikativ), leitet sich ab, was der Mensch tun soll (Imperativ). Du bist Mensch, also sei menschlich! Doch was, bitte, ist menschlich, was ist human? Wir Menschen sind Individuum und Person, verfügen über Bewusstsein und somit Reflexionsvermögen, über Sprache und Kultur und handeln dennoch höchst unterschiedlich. Wir sind Beziehungs- und Gemeinschaftswesen, der Philosoph Arnold Gehlen nannte uns aber zugleich »Mängelwesen«. Wir sind Geist-, Vernunft-, Gefühls-, Instinkt- und Triebwesen. Für den Soziologen Peter L. Berger waren wir »Ordnungswesen«, der Kulturhistoriker Johan Huizinga sah den Menschen als »homo ludens«, also spielendes Wesen. Wir haben die Gabe des Humors, sind mit Aristoteles ein »animal rationale«, also ein vernunftbegabtes Tier, was Ernst Cassirer zum »animal symbolicum« erweiterte, als Abbild einer inneren Wirklichkeit. Wir sind Glaubende, Hoffende und Liebende und dennoch fähig zu all den Abgründen, die die verschiedenen Formen von Gewalt mit sich bringen. Wir fühlen uns gekränkt durch die Astronomie, durch die Erkenntnis von Galileo Galilei, nicht der Mittelpunkt der Welt zu sein. Wir fühlen uns gekränkt durch die Biologie, durch die Erkenntnis von Charles Darwin, dass der Mensch nicht von Anfang an in seiner heutigen Form existierte. Wir fühlen uns gekränkt durch die Psychologie, durch die Erkenntnis von Sigmund Freud, dass wir nur bedingt Herr im eigenen Hause sind und von vielerlei Faktoren, etwa von unserem Unbewussten, bestimmt sind. Und dennoch fühlen wir uns als »Krone der Schöpfung« und benehmen uns, als ständen uns viele weitere Lebenswelten zur Verfügung. Wir sind die eine Menschheitsfamilie und separieren einander, grenzen uns voneinander ab und grenzen andere aus, bekämpfen und bekriegen uns und schrecken vor der Vernichtung kostbaren menschlichen Lebens nicht zurück. Die alte Katechismusfrage bekommt hier neue Aktualität: »Wozu sind wir auf Erden?« Herbert Grönemeyer hat in seinem Lied »Mensch« einige Dimensionen benannt, warum der Mensch Mensch heißt: weil er vergisst und verdrängt, irrt und kämpft, hofft und liebt, mitfühlt und vergibt, schwärmt und glaubt, anlehnt und vertraut… Mensch sein heißt Mensch werden. Menschwerdung bleibt eine lebenslange Aufgabe und zugleich eine massive Herausforderung in unserer gesellschaftlich und politisch schwierigen Situation. Mensch sein ist ein dynamischer Prozess mit vielfältigen Veränderungen. Wie kann ich mir da meine Menschlichkeit bewahren? Es bleibt die Frage: Was ist der Mensch? Es bleiben die Fragen: Wer sind wir? Was sollen wir tun? Wer bin ich? Was soll ich tun? Was heißt es, wenn Margot Friedländer immer wieder gemahnt hat: Seid Menschen! Dem nachzuspüren, laden die folgenden Beiträge ein. Was bedeutet Menschlichkeit für Sie? »Friedrich Nietzsche soll auf die Frage, was das Menschlichste sei, geantwortet haben: ›Was ist das Menschlichste? Jemanden Scham ersparen.‹ (Friedrich Nietzsche, in: Die fröhliche Wissenschaft, Aph. 273-275). Dieser Ausspruch begleitet mich seit Jahren. Beschämt werden verletzt die Grundbedürfnisse eines Menschen nach Anerkennung, Schutz, Zugehörigkeit, ja, seine Würde. Auch Franziskus ermahnt seine Brüder, andere nicht zu beschämen. Damit ermahnt er auch mich: Egal, welches Fehlverhalten du an anderen feststellst – du darfst sie nicht bloßstellen, nicht beschämen!« Sr. Pernela Schirmer OSF, Franziskanerin von Dillingen, Bildungsreferentin und Geistliche Begleiterin ADAM AND EVE IM GARTEN EDEN © TON KOENE | PICTURE-ALLIANCE.COM
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