10 FRANZISKANER 1|2026 Verzeihen, vergeben In seinem berühmten Sonnengesang lobt Franz von Assisi Gott den Schöpfer für Sonne, Mond und Sterne, für Wind, heiteres und jegliches Wetter, für Wasser und Feuer. Sie alle nennt er Bruder oder Schwester. Die Erde benennt er als Mutter, aus der alles hervorgeht. Besonders bemerkenswert ist, dass das Verzeihen, das Aushalten in Drangsal, Krankheit und Leid und auch der Tod in diesem Schöpfungslied einen wichtigen Platz bekommen haben. Dieser Weisheit des Heiligen aus Assisi, vor allem der Kraft echter Vergebung, möchte ich hier nachgehen. Am 10. September 2025 wurde einer der wichtigsten Unterstützer von Donald Trump, der Influencer Charlie Kirk, auf offener Bühne erschossen. Seine Frau Erika Kirk, die dies mit ihren Kindern miterleben musste, fand Tage später bei der Gedenkfeier aufrichtige, versöhnliche und dem Täter verzeihende Worte, die aus einer echten christlichen Spiritualität genährt waren. Der anwesende US-amerikanische Präsident Trump, der sich so gerne auf christliche Werte beruft, verhielt sich da ganz anders. Vor laufenden Kameras sagte er: »Ich hasse meinen Gegner und wünsche ihm nicht das Beste …« Offen propagierte er Hass anstelle von Vergebung. Funktioniert aber dieses »Auge um Auge, Zahn um Zahn«? Die Kriege in Gaza oder der Ukraine zeigen uns, wie sinnlos und zerstörend eine solche Haltung ist. Mit einem Beispiel will ich zeigen, dass ein solches unversöhnliches Verhalten nicht nur Menschen verhärten und verbittern kann, sondern auch unheile Auswirkungen auf andere hat. Ich arbeite seit gut neun Jahren als Klinikseelsorger im Klinikum Ingolstadt. Einmal wurde ich zu einer 80-jährigen Frau gerufen, die im Sterben lag. Vier Töchter waren im Raum und einige Enkel. Wie so oft nahm ich Kontakt mit der Sterbenden auf, spendete ihr die Sakramente der Versöhnung (Absolution) und der Krankensalbung. Sehr oft können Menschen, auch wenn sie nicht mehr bei Bewusstsein sind, dann innerlich »umschalten« und sich befreit auf den Weg des Übergangs in die Ewigkeit machen. Nach ein bis zwei Tagen sterben dann viele in Frieden. Hier war es anders. Ich wurde innerhalb von gerade einmal zehn Tagen insgesamt fünfmal gerufen. Dabei erlebte ich, wie diese alte Dame wegen der Unversöhnlichkeit ihrer Kinder nicht sterben konnte. Eine Tochter wollte mich sogar in der Vorwurfsspirale dem nicht anwesenden Sohn gegenüber instrumentalisieren, was ich erkannte und nicht zuließ. Ich bat dringend darum, sich wenigstens im Sterbezimmer um eine versöhnliche Atmosphäre zu bemühen. Meine Botschaft kam mehr oder weniger an. Die alte Dame konnte dann endlich sterben. Im Frieden leben, im Frieden sterben. Der innere und äußere Friede ist die Frucht von Versöhnung und Verzeihung. Franz von Assisi hatte das richtig erkannt und schrieb in seinem Sonnengesang: »Gelobt seist du, mein Herr, durch jene, die verzeihen um deiner Liebe willen und Krankheit ertragen und Drangsal. Selig jene, die solches ertragen in Frieden, denn von dir, Höchster, werden sie gekrönt.« Verzeihung, Vergebung, Versöhnung sind innere Einstellungen, die zu äußerem Verhalten führen. Ihre Kraft wird in der Theologie, Philosophie, Psychologie, Therapie und Sterbebegleitung neu entdeckt und als wichtiger Baustein von Befreiung, Wandlung, Neuwerdung und Heilung erfahren. Wer nicht vergeben kann, kreist immer wieder und immer enger um die erlittene Verletzung, die Person, die die Verletzung zufügte, die eigene Opferrolle und das Prinzip der Vergeltung. So jemand wird vom erlittenen Schmerz und der Aufregung über das zugefügte Unrecht bestimmt. Christoph Kreitmeir OFM Schritte auf dem Weg der Heilung frau im krankenhausbett : © aquaarts studio – istock.com
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