11 FRANZISKANER 1|2026 Wichtig ist es, dabei Verzeihung, Vergebung und Versöhnung zu unterscheiden. Ein erster Mosaikstein auf dem Weg von innerer und äußerer Befreiung ist das Verzeihen, wie es bereits Franziskus formulierte. Verzeihung verzichtet bewusst auf Vorwürfe, Vergeltung und Rache. Sie akzeptiert nach einem inneren Reifungsprozess die Situation, ohne sie zu billigen. Die Verletzung wird dabei nicht vergessen, sie ist aber nicht mehr bestimmend. Man befreit sich dadurch selbst von Fremdbestimmung. Die Selbstwirksamkeit, innere Stärke und Widerstandsfähigkeit nehmen zu. Verzeihen ist ein Ausdruck von innerer Stärke. Verzeihen ist der erste Schritt hin zu Vergebung und Versöhnung. Vergebung ist primär ein innerseelisches Geschehen, ein innerer Prozess. Groll, Hass, Wut oder »Zurückzahlen« werden abgelegt. Es geht darum, die negativen Gefühle hinter sich zu lassen oder anders mit ihnen umzugehen. Dies geschieht innerlich, auch ohne Bezug zur Person, die die Verletzung zufügte. Sie muss also gar nicht unbedingt dabei sein. Der Neurologe, Psychiater und Psychosomatiker Konrad Stauss benennt in einem Vergebungs- und Versöhnungsprozess von sieben Phasen die ersten sechs als der Vergebung zugehörig: • Bestimmung der traumatischen Schlüsselszene • Heilung der Ich-Beziehung (Akt der Selbstliebe) • Heilung der Du-Beziehung (Akt der Selbstbefreiung) • Heilung der Beziehung zum Ewigen Du (Einbindung in befreiendes Größeres über mir und dem Konflikt) • Durchführung des Vergebungsrituals und • Aufrechterhaltung der Vergebung Die siebte Phase ist dann der Weg der Versöhnung. Diese ist ein gemeinsamer Prozess. Beschädigte Beziehungen zwischen verletzender und verletzter Seite werden interaktiv einer Heilung anvertraut. Gegenseitiges Vertrauen will dabei wachsen. Einsicht, Reue, Entschuldigung und Wiedergutmachung durch die Person, die die Verletzung zufügte, sind dabei die Voraussetzung. Das Annehmen des Vergangenen, das Abstandnehmen von Rache und die gemeinsame Gestaltung einer positiven Zukunft sind Teilziele. Der US-amerikanische Psychologe und Vergebungsforscher Robert D. Enright forschte über die Wirkung von verzeihen und ergeben auf die menschliche Psyche. Wer nicht verzeihen und vergeben kann, schadet sich selbst und seiner Gesundheit psychosomatisch. Die negative Energie macht krank und stört auch das zwischenmenschliche Zusammenleben. In seinem Aufsatz »8 Keys to Forgiveness« (dt. »Acht Schlüssel zur Vergebung«) benennt er konkrete und heilende Wege zu einem von Unversöhnlichkeit befreiten Leben: 1. Erkennen Sie, was Vergebung ist und warum sie wichtig ist. 2. Werden Sie »verzeihend fit«. 3. Sprechen Sie Ihren inneren Schmerz an. 4. Entwickeln Sie durch Empathie einen verzeihenden Geist. 5. Finden Sie einen Sinn in Ihrem Leiden. 6. Wenn die Vergebung schwerfällt, greifen Sie auf andere Stärken zurück. 7. Verzeihen Sie sich selbst. 8. Entwickeln Sie ein verzeihendes Herz. Für gläubige Christinnen und Christen kommt zu dieser psychologisch-therapeutischen Wegbeschreibung der Glaube hinzu, dass die eigentliche Befreiung aus der Zusage Gottes kommt: Du bist von mir geliebt! Sich dessen immer wieder zu versichern, befreit von negativen Verletzungen und Befreiungen. Martin Luther King, Bischof Desmond Tutu, Nelson Mandela und viele andere lernten und lebten diese Kraft der Verzeihung, Vergebung und Versöhnung, welche die vielfältigen Teufelskreise durchbrach und neue Wege ermöglichte. »Vergebung ist keine einmalige Sache. Vergebung ist ein Lebensstil.« (Martin Luther King) und versöhnen Christoph Kreitmeir ist Franziskaner, Priester und zertifiziert ausgebildet in Gesprächsführung, Logotherapie und klinischer Seelsorge. Er ist als Krankenhausseelsorger im Klinikum Ingolstadt tätig.
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