12 FRANZISKANER 1|2026 Sag Ja zu deinem Weg Der Theologe und Autor Pierre Stutz ist dafür bekannt, die Menschen mit seiner Arbeit zu einer geerdeten und befreienden Spiritualität zu inspirieren. Er sagt, dass jeder und jede Einzelne einen eigenen Weg von Spiritualität und Glauben finden soll, was auch dank der Inspiration durch andere gelingen kann. Als Blaupause dafür dient ihm sein Ringen um den eigenen Weg im Leben – und seine persönliche Lebenskrise. Hier berichtet er, wie er diese Krisenzeit erlebt und was ihn hindurchgeführt hat. »In meinem zweijährigen Burn-out hatte ich monatelang keine Zukunft mehr. Es war die schmerzvollste Zeit meines Lebens. Wochenlange Schlaflosigkeit, jeden Morgen völlig erschöpft mit der großen Frage ›Schaffe ich es heute bis zur Zahnbürste?‹ konfrontiert. Es war zermürbend, mit 38 Jahren umzingelt zu sein von einer Ohnmacht, die mein erfolgreiches Leben nur noch defizitär deutete: ›Alles falsch gemacht, nie frei entschieden, kein Körpergefühl, zu spät für einen Neuanfang!‹ In dieser Krisenzeit haben mich eine Atemtherapeutin und ein Benediktinerpater, der auch Psychotherapeut war, begleitet. Sie haben mir den Blick und mein Herz geöffnet für eine Versöhnung mit meinem ureigenen Weg. Es war ein langer, harter, befreiender Prozess. Was für ein Glück im Unglück, in meiner Verunsicherung vielen mystischen Biografien begegnet zu sein, in denen es darum geht, sich mit seiner Geschichte und seinen durch-kreuzten Lebensplänen zu versöhnen! Versöhnung mit dir selber wünsche ich dir jene tiefe Einsicht deinem Verhalten auf den Grund zu gehen um dich besser verstehen zu können. Diesen Bewusstseinswandel, dass Frieden und Versöhnung in mir beginnt, halte ich für ein besonderes Erkennungszeichen in einer mystischen Lebensgestaltung. Ich kann die anderen nicht ändern, doch ich kann in mir eine wohltuende Grundhaltung fördern, um zu erkennen, welche Wachstumschance sich mir in meiner Verlorenheit zeigen kann. Deshalb erinnere ich mich täglich daran, mehr zu sein als meine Kindheitsverwundungen und als die jahrhundertlange, homophobe Diskriminierung, die mich hinderte, meiner tiefen Sehnsucht nach einer liebenden Partnerschaft mit einem Mann zu folgen; mehr noch, sie dankbar als Gottesgeschenk anzunehmen. In den meisten mystischen Lebenserfahrungen scheint auf, wie Menschen durch einen Zusammenbruch zu einem neuen Durchbruch in ihrer Gottesbeziehung und ihrer Beziehung zu sich selbst und zu den anderen gelangen können. Um sich nicht in einen Feindbildmechanismus zu verlieren, schaffen sie immer wieder Distanz zum Alltag, und sie verweilen an ihrem inneren Ruheort. Juan de la Cruz (1542–1591), ein Weggefährte von Teresa von Avila, ist mir bis heute ein wertvoller Wegbegleiter auf meinem Versöhnungsweg, der nie ein für alle Mal abgeschlossen sein wird, sondern wie mein Lebensfreund aus Nazareth es voller Güte und Weisheit ausdrückt: ›siebzigmal siebenmal‹ (Mt 18,22). Juan de la Cruz wird von seinen reformunwilligen Mitbrüdern in einem Kloster in Toledo unter unmenschlichsten Bedingungen neun Monate gefangen gehalten. Er war physisch, psychisch und auch spirituell in einer totalen Dunkelheit. Er erduldet dieses Unrecht nicht einfach so, sondern hält nach Fluchtmöglichkeiten Ausschau, und er schreibt tiefsinnige Hymnen an die Nacht, die ihm nach seiner Flucht ermöglichen, eine Spiritualität der ›dunklen Nacht der Seele‹ zu entfalten. Auch dank ihm kann ich meine Autobiografie ›Wie ich der wurde, den ich mag‹ mit den Worten beenden: JETZT ist das ganze Leben vor mir.« Pierre Stutz Pierre Stutz, Theologe und Autor vieler spiritueller Bücher, lebt mit seinem Lebensgefährten in Osnabrück. ▶▶ www.pierrestutz.ch pierre stutz : © jannick mayntz
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