15 FRANZISKANER 1|2026 (Gen 13); zwischen den (Halb-)Brüdern Isaak und Ismael bzw. eigentlich zwischen deren Müttern Sara und Hagar (Gen 21,9–21); zwischen den Zwillingen Esau und Jakob (Gen 27,1–45) und schließlich zwischen den zwölf Söhnen Jakobs (Gen 37–50). Die Konflikte werden unterschiedlich gelöst und enden nicht immer versöhnlich. Sie nehmen aufeinander Bezug, setzen einander voraus und stehen in Beziehung zueinander. Dabei ist eine Entwicklung in der Beendigung der Konflikte erkennbar, von der maximal negativen hin zur maximal positiven Lösung. Der erste Streit entsteht, weil das Opfer Abels von Gott angenommen wird und das Opfer Kains nicht. Deshalb tötet Kain seinen Bruder Abel auf dem Feld. Dieser Konflikt endet also maximal negativ, und der erste Tod in der Bibel ist ein Mord. Damit ist eine Versöhnung der beiden zu Lebzeiten ausgeschlossen. Danach folgt der Streit zwischen Abram und seinem Neffen Lot, der ersten Generation der Erzeltern. Beide haben einen sehr großen Besitz an Vieh erworben, und das Land war nicht mehr groß genug, dass beide dort siedeln und ihre Herden ernähren konnten. Deshalb kommt es zum Streit. Dieser Konflikt wird schnell gelöst, indem Abram Lot die örtliche Trennung der beiden Herden vorschlägt, und er endet mit einem Kompromiss. Der dritte Konflikt besteht zwischen den beiden (Halb-)Brüdern Isaak und Ismael, aber eigentlich entzündet er sich zwischen deren Müttern Sara und Hagar, der Magd Saras und Nebenfrau Abrahams. Sara hat Angst um Isaaks Erbe. Deshalb beauftragt sie Abraham, Ismael und Hagar im wahrsten Sinne des Wortes in die Wüste zu schicken. Abraham ist nicht sehr begeistert von dieser Idee. Es bedarf erst der Überzeugung Gottes und dessen Zusage, dass er auch Ismael »zu einem großen Volk machen« werde. Auch dieser Streit wird durch eine räumliche Trennung gelöst, bevor er eskalieren kann. In der dritten Generation der Erzeltern stehen sich Jakob und Esau wegen des Erstgeburtssegens gegenüber. Diesen erschleicht sich Jakob mithilfe seiner Mutter Rebekka, indem er seinem blinden Vater Isaak vorspielt, Esau zu sein. Aber auch zuvor kommt es schon zu Reibereien zwischen den Zwillingen. Eigentlich beginnt der Konflikt bereits im Mutterleib, wo sich die beiden gegenseitig stoßen. Es herrscht Streit anstatt der bei Zwillingen üblichen geschwisterlichen Vertrautheit. Nach der Eskalation des Streits muss Jakob vor Esau fliehen und hält sich einige Zeit im Ostjordanland auf. Später zieht Esau nach Seïr, während Jakob in Kanaan siedelt. Es kommt aber auch zu einer emotionalen Begegnung der beiden: Jakob wirft sich siebenmal vor Esau nieder, und Esau läuft Jakob entgegen, umarmt und küsst ihn. Beide beginnen zu weinen. Dies kommt einer Aussöhnung, ja sogar einer Versöhnung nahe, auch wenn sie danach wieder getrennte Wege gehen. Erneut ist eine räumliche Trennung nötig, um den Konflikt zu lösen. Im dritten Teil des Buches, der Josefsgeschichte, bevorzugt Jakob seinen Sohn Josef, indem er ihm einen bunten Ärmelrock schenkt. Deshalb beneiden ihn die anderen Söhne. Außerdem zieht Josef Johannes Roth OFM ihren Hass durch seine Träume und deren Deutung auf sich. Seine Brüder unternehmen einen regelrechten Anschlag auf Josef, werfen ihn in eine leere Zisterne und verkaufen ihn als Sklaven nach Ägypten. Dort steigt Josef im Haus des Pharaos schnell auf. Wegen einer Hungersnot schickt Jakob seine Söhne, bis auf Benjamin, nach Ägypten, um Getreide zu kaufen. Dort begegnen sie auch ihrem verhassten Bruder Josef. Während Josef sie sofort erkennt, bleibt seine Identität für sie aber wegen seiner Stellung, Kleidung und Sprache verborgen. Statt sich an ihnen zu rächen, täuscht Josef ihnen überraschend eine Anklage vor und unterstellt ihnen, dass sie Spione seien. Er behält einen der Brüder als Pfand bei sich und verlangt von den anderen, mit Benjamin zurückzukehren. Da der Hunger immer größer wird, muss Jakob seine Söhne erneut nach Ägypten schicken, um Getreide zu kaufen – dieses Mal kommt auch Benjamin mit. Dessen Anblick rührt Josef sehr an, und er lässt sofort ein Festmahl für sich und seine Brüder zubereiten. Zuvor zieht er sich aber zurück, um zu weinen. Trotzdem stellt Josef seine Brüder noch einmal auf die Probe. Infolgedessen bittet sein Bruder Juda ihn um Erbarmen für Benjamin und auch für seinen Vater Jakob. Dies rührt Josef erneut an, er beginnt laut vor seinen Brüdern zu weinen und offenbart sich ihnen. Die nichts ahnenden Brüder können es kaum glauben. Josef stellt ihnen seine damalige Situation vor Augen, aber nicht als Vorwurf, sondern als von Gott gelenkte Geschichte, der auf diese Weise Leben erhalten und retten will. Am Ende kommt es zur Versöhnung und zur Zusammenführung der Familie. Hier wird die optimale Lösung für einen Konflikt vorgestellt. Die Josefsgeschichte ist vermutlich der biblische Text, der am eindringlichsten und stärksten ausgefaltet die Möglichkeit zur Versöhnung beschreibt, auch wenn das Wort Versöhnung nicht fällt. Der Streit zwischen Josef und seinen Brüdern sowie der Konflikt zwischen Jakob und Esau machen deutlich, dass Versöhnung in der Regel nicht innerhalb weniger Minuten geschieht, sondern ein Prozess von Jahren oder sogar Jahrzehnten ist. Es zeigen sich hier zwei Dimensionen von Versöhnung: »Zuerst ist es ein Weg, den Menschen untereinander zu gehen und zu klären haben. Dabei aber helfen Gott und auch, an ihn zu glauben, ganz wesentlich mit. Das Vertrauen auf den Gott, der die ganze Geschichte umfängt, ermöglicht Versöhnung.« (Georg Fischer SJ)
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