Franziskaner - Frühling 2025

17 FRANZISKANER 1|2026 Da begann unsagbare Freude und höchste Wonne sich nach und nach in das Innerste seines Herzens zu ergießen. Auch wurde er allmählich ganz verändert; der Gemütssturm legte sich, die Finsternis wich, die infolge von Sündenangst sich über sein Herz gebreitet hatte; es wurde ihm die Gewissheit zuteil, alle seine Sünden seien ihm vergeben worden. Versöhnung beginnt hier ganz persönlich: Ein Mensch lernt, sich von Gott anschauen zu lassen, ohne sich zu verstecken. Die Zusage der Vergebung schenkt Franziskus inneren Frieden. Er wird sich seiner Würde bewusst. Das befähigt ihn, Gott als »den Guten« zu verkünden, andere zum Vertrauen zu ermutigen und sie »als Boten des Friedens« auszusenden. Unmittelbar nach diesem Ereignis wird er seine Brüder buchstäblich in alle Himmelsrichtungen in die Welt schicken, um ebendiese Botschaft zu verkünden. Der Brief an einen Minister und die Regeln: Voraussetzungen eines versöhnten Miteinanders Die ersten Franziskaner hatten keine festen Klöster. Sie hatten einige Orte, an die sie sich immer wieder zurückzogen, waren aber meistens unterwegs und übernachteten, wo sie einen Unterschlupf fanden. Was die Gemeinschaft zusammenhielt, waren die Beziehungen unter den einzelnen Mitgliedern. Umso wichtiger waren Haltungen, die diese Beziehung stärkten, darunter sicher auch jene, die Versöhnung ermöglichen. In den Schriften finden wir an mehreren Stellen Hinweise zum Umgang der Brüder untereinander, die die Grundlagen für ein versöhntes Miteinander beschreiben. Die bekannteste davon findet sich im sogenannten Brief an einen Minister. Darin wendet sich Franziskus an einen Verantwortlichen, der mit schwierigen Brüdern zu tun hat, und legt ihm zwei Haltungen ans Herz. Die eine ist: »Du sollst nicht wollen, dass er ein besserer Christ wird.« Damit sagt er ihm: Du kannst nicht wissen, was für den anderen gut ist und wie dieser sein Christsein leben soll. Deine Interpretation dessen, was gutes Christsein ist, ist nicht die einzig gültige. Und er fügt als wichtigsten Aspekt der Aussage hinzu: Der andere gehört dir nicht, somit hast du auch keine Verfügungsgewalt über sein Verhalten. Gelebte Augenhöhe und Gleichwertigkeit aller ist für Franziskus eine Voraussetzung für Versöhnung. Die zweite Haltung ist die, barmherzig zu bleiben – gerade dann, wenn ein Bruder immer wieder scheitert: Es darf keinen Bruder auf der Welt geben, mag er auch gesündigt haben, so viel er nur sündigen konnte, der deine Augen gesehen hat und dann von dir fortgehen müsste ohne dein Erbarmen. Erbarmen bedeutet hier, den anderen immer zuerst als Menschen zu sehen, ihm entgegenzugehen und ihn nicht auf seine Schwächen zu reduzieren. Es bedeutet auch, nicht aufzugeben, wenn jemand schwierig ist, und ihm um der Beziehung willen immer wieder eine Brücke zu bauen. Wie wichtig ihm das ist, sieht man auch an folgender Anweisung: Und mag zu ihnen kommen, wer da will, Freund oder Feind, Dieb oder Räuber, so soll er gütig aufgenommen werden. Die Würde des anderen muss unter allen Umständen gewahrt werden. Die beiden Regeln (die frühe, nicht kirchlich bestätigte und die spätere, endgültig bestätigte Regel) fassen die Lebensweise der Brüder zusammen. Sie sind so etwas wie ein »Fahrplan« für eine versöhnte Gemeinschaft. Elisabeth Bäbler ist Franziskanerin von Sießen. Sie lebt derzeit gemeinsam mit einer Mitschwester in Siegen (NRW) und arbeitet dort im Geistlichen Zentrum Eremitage Franziskus. Die Felskapelle in Puggio Bustone

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