18 FRANZISKANER 1|2026 Beziehu Versöhnung hat nichts mit Gewöhnung zu tun oder mit einer resignierten Anpassung an die Verhältnisse. Und es geht auch nicht darum, erfahrenes Unrecht zu verdrängen oder sich mit der Lage, wie sie nun einmal da ist, einfach abzufinden. Im Gegenteil: Versöhnung ist ein aktives Geschehen, eine bewusste Auseinandersetzung mit dem, was war, und dem, was werden soll. Daher geschieht Versöhnung auch nicht nebenbei. Sie braucht die rechte Zeit und den richtigen Ort. Solange Unrecht herrscht, ist Widerstand angesagt; denn mit Strukturen der Unterdrückung gibt es keine Versöhnung. So können sich etwa Sklaven und Sklavenhalter erst dann versöhnen, wenn die Sklaverei überwunden ist. Nur wenn zumindest beide ihre alten Rollen aufgegeben haben und aus ihrer jeweiligen Mehr- und Minderposition herausgetreten sind, können sie sich auf Augenhöhe begegnen. Solange dies nicht möglich ist, bleiben Widerstand und Kampf angesagt. Wobei es hier natürlich zu bedenken gilt, dass die Mittel und Methoden des Widerstandes Auswirkungen auf einen späteren Versöhnungsprozess haben werden. Liegen die äußeren Voraussetzungen für die Versöhnung vor, geht der erste Blick zurück in die Vergangenheit. Es geht um die Suche nach Wahrheit in einem gemeinsamen Prozess der Aufklärung, des Zuhörens, der Bemühung zu verstehen, ohne entschuldigen zu wollen. Der zweite Blick ist dann auf die gemeinsame Zukunft gerichtet. Ohne den Willen, die Zukunft gemeinsam zu gestalten, werden sich beide Seiten der Anstrengung der Wahrheitssuche gar nicht unterziehen. Beim Blick in die Zukunft geht es um Gerechtigkeit. Diese ist nicht gleichbedeutend mit Vergeltung oder Strafe, stattdessen aber mit der Sicherung der Existenz, möglicherweise verbunden mit Schadensausgleich in einem Maß, das künftig beide Seiten in Würde leben können. Versöhnung braucht ein Gesicht. Sie geschieht zwischen Menschen, die sich schon kennen oder im Prozess der Versöhnung erstmals oder neu kennenlernen. Im Verhältnis zwischen Völkern und Staaten kann es zwar eine Friedenspolitik geben, die Elemente von Versöhnung enthält, aber die Begegnung von Personen nicht ersetzen kann. Daher ist die Rede von der »deutsch-französischen Aussöhnung« auch missverständlich, weil sie in diesem Kontext anonym ist. Dies schließt vorbildliche, versöhnende Gesten von Regierungsvertretern aber Die Brüder sollen sich gegenseitig achten, einander ihre Not offenbaren und diese zu beheben versuchen. Regeln sind hier nicht starr und hart, sondern Ausdruck eines Lebensstils, bei dem man lernt, sich immer wieder zu versöhnen – mit Gott, mit den anderen und mit sich selbst. Eine sehr herausfordernde Aufforderung, ohne die Versöhnung aber schlecht denkbar ist, findet sich fast identisch in beiden Regeln – ein Zeichen dafür, dass sie Franziskus sehr am Herzen lag. Die Brüder … müssen sich hüten, wegen der Sünde, die jemand begangen hat, zornig und aufgeregt zu werden; denn Zorn und Aufregung verhindern in ihnen selbst und in den anderen die Liebe. Die Liebe, das Wohlwollen dem anderen gegenüber ist eine Voraussetzung für tragende Beziehungen. Der Wolf von Gubbio: Versöhnung mit dem Andersartigen und Bedrohlichen In der bekannten Geschichte vom Wolf von Gubbio wird Versöhnung anschaulich erzählt. In dieser Legende kommen alle oben genannten Haltungen zum Tragen: die Offenheit dem anderen gegenüber, die Achtung seiner Würde, die einen Dialog ermöglicht, und nicht zuletzt der Verzicht auf Eskalation. Laut der Legende bedroht ein Wolf die Stadt. Er fällt jeden an, der sich vor die Tore wagt. Eine für mich schlüssige Interpretation dieser Geschichte ist, dass es sich bei dem Wolf nicht um ein echtes Tier, sondern um einen Banditen handelte, der das Umland der Stadt in Angst und Schrecken versetzte. Die Angst der Menschen führt zu Gewalt, und das Klima in der Stadt ist zunehmend von Misstrauen geprägt. Franziskus geht dem »Wolf« entgegen, nicht mit Waffen, sondern mit Vertrauen, Offenheit und der Bitte um Frieden. Er begegnet ihm als Geschöpf Gottes, verhandelt mit ihm und sucht einen Weg, wie Mensch und »Tier« friedlich miteinander leben können. Mit dem Verzicht auf Zorn und Aufregung ist er in der Lage, die Situation zu deeskalieren. Er erreicht, dass Wolf und Stadt so etwas wie einen »Friedensvertrag« schließen. Die Menschen sorgen für Nahrung, der Wolf lässt die Stadt in Ruhe. Impulse für die Gegenwart In einer Zeit, in der die Polarisierung innerhalb der Gesellschaft zunimmt und wir oft in »Blasen« von Gleichdenkenden unterwegs sind, scheinen die Haltungen, die der Heilige seinen Brüdern ins Stammbuch schreibt, eine ganz neue Aktualität zu haben. Franziskus lädt uns ein, aus der Gewissheit zu leben: Du bist angenommen – mit all deinen Ecken und Kanten. Aus dieser Gewissheit heraus sind wir in der Lage, den anderen in ihrer Andersartigkeit und vielleicht Fremdheit offen und neugierig zu begegnen und auch unsere herausfordernden Zeitgenossen als Mitmenschen zu sehen.
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