Franziskaner - Sommer 2025

35 FRANZISKANER 2|2026 hartnäckig, aber mit der Realität unseres Lebens haben sie wenig zu tun. Was bedeuten für Sie die Werte des heiligen Franziskus im Alltag? Für mich heißt es vor allem, offen für Menschen zu sein. Wenn ich den Habit trage, kommen Gespräche ganz von selbst. Neulich beim Warten auf den Zug hatte ich in einer Stunde fünf gute Gespräche – vom evangelischen Historiker bis zum Obdachlosen. Ich versuche manchmal bewusst, ansprechbar zu bleiben: keine Kopfhörer, kein Smartphone in der Hand, einfach da sein. In dem Moment, wo ich mich abschotte, trenne ich mich von der Welt. Franziskus hat genau das vorgelebt – mitten unter den Menschen zu sein und offen für Begegnungen. Auch beim Umweltschutz versuche ich nach Franziskus' Werten zu leben. Für eine Reise nach Irland war ich zum Beispiel vier Tage unterwegs mit Zug, Übernachtungen und Schiff, statt in zwei Stunden hinzufliegen. Das war teurer und aufwendiger, aber ich habe unterwegs unglaublich viel erlebt. Am Ende ist es immer ein Abwägen von Werten: billig und bequem – oder rücksichtsvoller gegenüber Umwelt und Mitmenschen. Was würde Franziskus zu unserer heutigen Gesellschaft sagen – speziell zum Umweltschutz? Franziskus war sehr radikal und hätte das vermutlich auch heute so gelebt: Er würde sich trauen, unbequeme Wege zu gehen, Grenzen zu überschreiten und Menschen direkt zu begegnen – so wie damals, als er übers Schlachtfeld ging, um mit dem Kriegsgegner zu sprechen. Beim Umweltschutz würde er sicher versuchen, mit einem sehr kleinen ökologischen Fußabdruck zu leben und auf Verschwenderisches zu verzichten. Als Sie ins Kloster gegangen sind, haben Sie sich viel mit dem Sinn des Lebens beschäftigt. Haben Sie auf diese Frage eine Antwort gefunden? Wir Franziskaner versuchen, Gutes zu tun – in der Seelsorge, in der Missions- und Friedensarbeit oder in der Suppenküche – und die Menschen mit einem Lächeln wieder gehen zu lassen. Ob das die Antwort auf den Sinn des Lebens ist, weiß ich nicht. Aber für mich liegt er irgendwo dazwischen: Gutes tun und unter den Menschen leben, ohne Streit anzufangen. Einfach da sein, freundlich sein und den Glauben so leben, wie man ihn verstanden hat – in der Hoffnung, dass davon etwas abfärbt. Das Interview führten Ayana Lüdtke und Susanna Khakhan Samail für sonntagsblatt.de. Sie sind Bundesfreiwillige im Evangelischen Presseverband für Bayern e. V. Für diese Veröffentlichung wurde das Interview gekürzt und redaktionell bearbeitet. Ayana Lüdtke, Susanna Khakhan Samail Statt immer nur nach oben zu schauen, lieber mal den Blick nach unten zu wenden. Das hat in mir die Neugier geweckt: Wer war eigentlich dieser Franziskus? Welche Werte von Franziskus von Assisi begleitet Sie bis heute? Was mich als Erstes an ihm fasziniert hat, war dieser Zugang zur Armut. Später habe ich gesehen, dass der heilige Franziskus viel mehr Facetten hat. Zum Beispiel der Sonnengesang: Da beschreibt er eine geschwisterliche Beziehung zur ganzen Natur. Das ist für mich absolut modern – nicht dieses Denken, wir beherrschen die Natur, sondern der Mensch ist Teil der Natur. Für uns Christen ist die Natur Schöpfung. Gott hat die Natur geschaffen, Gott hat uns geschaffen, und wir sind Teil davon. Franziskus nennt alle Elemente Bruder und Schwester, sogar den Tod. Was mich auch fasziniert, ist seine interreligiöse Botschaft. Im Mittelalter gab es keinen Dialog zwischen den Religionen, sondern Glaubenskriege. Franziskus hat sich getraut, im Kreuzzug über das Schlachtfeld zu gehen, sich festnehmen zu lassen, drei Tage mit dem Sultan des feindlichen Heeres zu verbringen und anschließend mit ein paar Geschenken heimzukommen. Dieses friedliche Zugehen auf den Gegner – das war für mich sehr inspirierend. Dieses Gesamtgemisch aus Vorbildfunktionen war irgendwann der Punkt, an dem ich gesagt habe: Ich will seiner Lebensweise folgen als Franziskaner. Wie gehen Sie im Kloster mit Konflikten um? Konflikte gibt es natürlich, bei so vielen Menschen unter einem Dach. Unterschiedliche Ansichten gehören einfach dazu. Wichtig ist, erwachsen damit umzugehen: darüber zu reden, statt Dinge schwelen zu lassen. Es ist besser, sich einmal ehrlich – auch mal lautstark – die Meinung zu sagen, als den Ärger mit sich herumzutragen. Das hat auch mit unserem Ordensgelübde des Gehorsams zu tun. Gehorsam heißt für mich, bereit zu sein, auf jemanden zu hören – auch wenn ich anderer Meinung bin. Gehorsam bedeutet, sich etwas sagen zu lassen oder sich zu etwas ermutigen zu lassen, was man selbst nicht für möglich hält. Dieses Aufeinander-Hören hilft uns, Konflikte nicht nur zu lösen, sondern auch voneinander zu lernen. Welche Vorurteile begegnen Ihnen? Oft haben die Menschen eine sehr altertümliche Klostervorstellung. Sie denken, man verlässt die Welt. Aber das stimmt für uns Franziskaner überhaupt nicht. Wir sind ein offener, karitativer Orden, der mitten unter den Menschen lebt – ob in der Seelsorge, in der Obdachlosenarbeit oder in der Suppenküche. Und manchmal staunen Leute, wenn ich im Zug sitze und einen Laptop oder ein Handy benutze – so als dürfe ein Franziskaner nichts Modernes haben. Diese alten Vorstellungen halten sich

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