Franziskaner - Sommer 2025

37 FRANZISKANER 2|2026 das auf einen Neumond zwischen dem 21. Januar und dem 21. Februar fällt. »Zu Neujahr gibt es bei uns einen Baum«, erklärt der Franziskaner. »Im Norden von Vietnam blühen dann nämlich die Pfirsiche und im Süden die Aprikosen, beide stehen für das neu erwachende Leben. Wir schmücken unseren Baum dann mit Papierrollen, auf denen biblische Sprüche stehen. Am Ende der Feier kann sich dann jeder das ›Wort Gottes‹ vom Baum mit nach Hause nehmen.« Die Arbeit in den Gemeinden ist nach dem Gottesdienst allerdings noch nicht getan. »Nach der Feier sitzen wir bei Kaffee und Kuchen zusammen, es wird auch gesungen«, erzählt Chi Thien. »Es geht nicht nur darum, gemeinsam den Gottesdienst zu feiern. Für die Gemeinden ist das eine Möglichkeit, sich zu treffen, sich zu begegnen, und gemeinsam bewusst ihre vietnamesische Kultur zu pflegen.« Das ist auch für ihn persönlich sehr wichtig. Chi Thien selbst sagt, die Verbindung zu seinen Landsleuten zu halten, helfe ihm dabei, die Balance zwischen seinem Leben in Deutschland und seinen vietnamesischen Wurzeln zu halten. Um Letzteren nachzuspüren, hat er von 2016 bis 2019 die Heimat seiner Vorfahren bereist. Den engen Kontakt zu den Franziskanern in Vietnam, den er damals aufgebaut hatte, hält er bis heute und organisiert auch Besuche von Brüdern aus Vietnam in Deutschland. Diese Verbindung nach Vietnam hilft ihm auch bei der Jugendarbeit, denn Chi Thien ist für vietnamesische katholische Jugendliche in ganz Deutschland zuständig. Dabei hat er es hauptsächlich mit zwei Gruppen zu tun. Da sind zum einen die Jugendlichen, die hier geboren und aufgewachsen sind. Ihnen sollen nicht nur der Glaube weitergegeben, sondern auch Traditionen und kulturelle Werte ihrer Familien vermittelt werden. Die zweite Gruppe sind Jugendliche, die im Rahmen der Anwerbekampagne für Fachkräfte aus Vietnam nach Deutschland kommen. Diese jungen Menschen machen eine Ausbildung in der Kranken- und Altenpflege oder Gastronomie in einem fremden Land und suchen hier natürlich nach Anschluss und Gemeinschaft. Die Katholiken unter ihnen – in Vietnam sind rund acht Prozent der Bevölkerung katholisch – finden dies in den katholischen Gemeinden. »Diese Jugendlichen gehen fleißig in die Kirche, manche von ihnen fahren sehr weit dafür. In den Gemeinden finden sie Gleichgesinnte und Anschluss im Glauben. Das alles sorgt dafür, dass sie nicht allein sind und vereinsamen.« Für die Jugendlichen ist Chi Thien ein Ansprechpartner für sämtliche Angelegenheiten. Seine eigenen biografischen Erfahrungen helfen ihm dabei ebenso wie sein Wissen aus seiner Zeit in Vietnam. »Außerdem ist es meine Aufgabe, diese beiden unterschiedlichen Gruppen miteinander zu vernetzen«, sagt er. »Das ist eine große Herausforderung, denn hier stehen sich auch zwei unterschiedliche Mentalitäten gegenüber. Die einen sind in Deutschland aufgewachsen und denken ‚deutsch‘, wenn man das so sagen kann, die anderen sind von ihrem Leben in Vietnam geprägt. Das zusammenzuführen, ist nicht immer leicht.« Hierfür organisiert er verschiedene Aktivitäten, bei denen sich die Jugendlichen besser kennenlernen und Zeit miteinander verbringen können. Dazu zählt eine Wallfahrtsgruppe für Jugendliche zum Vietnamesischen Katholikentag in Deutschland, der jedes Jahr zu Pfingsten stattfindet. In diesem Jahr wurde dort zudem der 50. Jahrestag der Gründung der vietnamesischen Gemeinde gefeiert. Für den Herbst ist ein Treffen aller katholischen vietnamesischen Jugendlichen aus ganz Deutschland geplant, auf dem sie Kontakte knüpfen und sich gegenseitig kennenlernen sollen. Und wenn im nächsten Jahr der Weltjugendtag im südkoreanischen Seoul stattfindet, will er mit einem Teil der vietnamesischen Jugend dorthin reisen. Beim Beisammensein mit den Jugendlichen wird viel Karaoke gesungen, oft stundenlang. »Da muss ich noch üben, aber ich komme nicht darum herum«, erzählt Chi Thien. Bis zur Reise nach Seoul hat er ja noch etwas Zeit dafür. Bruder Chi Thien unterwegs mit den Sternsingern

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