9 FRANZISKANER 2|2026 Enzyklika »Magnifica humanitas« Papst Leo XIV. kritisiert nicht die Maschine, sondern ihre Schöpfer Babel oder Jerusalem – um diese Frage baut Papst Leo XIV. seine erste Enzyklika »Magnifica humanitas« auf. Dabei bezieht er sich auf zwei biblische Bilder: den Turmbau zu Babel, der für ein Herrschaftsstreben steht, das letztlich zur Entmenschlichung führt; und den Wiederaufbau der Mauern von Jerusalem unter Nehemia, der für eine Gemeinschaft steht, die zusammen Verantwortung übernimmt. Eine wichtige Rolle in seinen Betrachtungen spielt die künstliche Intelligenz. Wie blickt der Papst auf die Technologie? »Die Technik ist an sich nicht als eine menschenfeindliche Kraft zu betrachten«, schreibt Papst Leo. Denn sie entspringt nicht nur dem menschlichen Können und ist Ausdruck seiner Freiheit, sondern hat auch in den vergangenen Jahrhunderten seine Lebensbedingungen verbessert. Es habe sich jedoch ein technokratisches Denkmuster durchgesetzt, das alle persönlichen, gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Entscheidungen der Logik von Effizienz und Profit unterwirft. Dadurch werde Technik vom Werkzeug zum Maßstab, der über alles bestimmt – und den Menschen zu einem Rädchen in einem System der Ausbeutung erniedrigt. Mit Technologien wie künstlicher Intelligenz habe sich dieses Denkmuster inzwischen weit verbreitet. Papst Leo weist auch darauf hin, dass die Kontrolle über künstliche Intelligenz nicht in den Händen von Staaten, sondern von wirtschaftlichen und technologischen Akteuren liegt, »die über Ressourcen und Handlungsmöglichkeiten verfügen, die denen vieler Regierungen überlegen sind«. Damit legen diese Tech-Unternehmer fest, wer teilhaben kann und wer nicht. Die aktuellen Entwicklungen erwecken somit den Anschein, dass ein neues Babel entsteht – dem will Papst Leo mit der Enzyklika etwas entgegensetzen und spricht sich für die Einführung angemessener Regulierungsinstrumente aus. Sehr kritisch sieht Leo XIV. vor allem die Übertragung von Entscheidungen – und somit Verantwortung – auf künstliche Intelligenz. Dies könne zu neuen Formen der Ausgrenzung führen. Denn – hier zitiert er seinen Vorgänger Franziskus – die automatisierten Systeme kennen nicht »Mitleid, Barmherzigkeit, Vergebung und vor allem die Offenheit für die Hoffnung auf eine Veränderung der Person«. Außerdem gehe die politische Verantwortung für Entscheidungen verloren, da jeder Beschluss mit »Neutralität und Objektivität ummantelt« werde. Und dagegen lasse sich schwer protestieren oder Einspruch einlegen. Daher fordert Papst Leo klare Verantwortlichkeiten und die Möglichkeit festzustellen, wer für Entscheidungen einer KI Rechenschaft ablegen muss – »angefangen bei jenen, die die Systeme entwerfen und trainieren, bis hin zu jenen, die sie nutzen und ihnen konkrete Entscheidungen anvertrauen«. Nur so könne garantiert werden, dass KI die Menschenwürde achtet und dem Gemeinwohl dient. Um dies zu gewährleisten, muss die Politik rechtliche Rahmenbedingungen und eine unabhängige Aufsicht schaffen sowie für die Aufklärung der Nutzerinnen und Nutzer sorgen. Außerdem fordert er, dass Daten nicht ausschließlich Eigentum von privaten Einrichtungen sein dürfen. »Daten sind das Ergebnis der Beiträge vieler und dürfen nicht an einige wenige verkauft oder ihnen überlassen werden.« Daher müssen sie auch als ein gemeinsames und kollektives Gut verwaltet werden. Leo spricht hier auch von Datenkolonialismus, da viele der genutzten Daten aus Entwicklungsländern stammen. Ebenfalls sehr kritisch betrachtet der Papst den Umgang mit der Wahrheit, der durch künstliche Intelligenz immer größeren Schaden nimmt. Er definiert die Wahrheit als ein Gemeingut im Sinne der katholischen Soziallehre. Sie bestimmt, dass alle Güter der Erde allen Menschen gleichermaßen zustehen, da Gott sie »der gesamten Menschheitsfamilie geschenkt« hat. Einzelne dürfen also eigentlich keinen Anspruch auf diese Güter erheben. Um dies zu verhindern, fordert er unter anderem Transparenz bei Algorithmen, die Inhalte etwa in sozialen Medien auswählen und verbreiten, eine Stärkung von unabhängigem Journalismus sowie die Vermittlung von Medienkompetenz und kritischem Umgang mit digitalen Technologien in Schulen. Zu Letzterem zählt er auch zu lernen, wann man »Technologische Innovationen sind nicht neutral. Sie müssen anhand einer entscheidenden Frage bewertet werden: Tragen sie wirklich dazu bei, dass Menschen und Völker an Menschlichkeit und Geschwisterlichkeit wachsen, im Respekt vor unserem gemeinsamen Haus und den künftigen Generationen?« PAPST LEO XIV © NEXPHER IMAGES – PICTURE-ALLIANCE.COM
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