Franziskaner - Herbst 2026

10 FRANZISKANER 3|2026 wird. Die parallele Szene im linken Bildstreifen der Tafel stellt die Weihnachtsfeier von Greccio dar. Hier liegt das Jesuskind neu geboren auf einen Felsen gebettet, in derselben Haltung wie der aufgebahrte Heilige rechts. Zweimal Kind, zweimal Geburt, zweimal liegend: Das Kommen des Gottessohnes in die Welt bewirkt am Ziel des Weges, dass der Tod »zur Pforte des Lebens« wird, wie Franziskus es laut seinem ersten Biografen Thomas von Celano sterbend bekannt hat. Die Transitusfeiern, zu denen viele franziskanische Gemeinschaften am Abend des 3. Oktober jährlich einladen, erinnern an diesen »Durchgang« (trans-itus) durch die Pforte des Lebens, der aus der irdischen Existenz am Ziel des Weges in die Ewigkeit führt. Das tiefe Vertrauen, dass Voll-Endung am Ende des Lebens eben Fülle bedeutet, will dabei von Franziskus her unser eigenes Leben ermutigen. Thomas von Celano erinnert an das Vertrauen, mit dem der Bruder seine »Schwester Tod« willkommen hieß. Als die Brüder Franziskus an jenem Vorabend zum 4. Oktober 1226 ziehen lassen mussten, vertraute er sich dieser Gefährtin an: Nicht Schreckgestalt, Skelett oder Sensenmann, sondern von Gott geschaffen und wegkundige Begleiterin von der irdischen Welt ins volle Licht Gottes. Der Biograf erinnert auch daran, wie ganzheitlich der Ordensgründer sein Ankommen am Ziel des Lebens gestaltet hat. Er wählt den Ort seiner letzten Stunden dankbar und liebevoll aus – die Kapelle, in der er seine Berufung zum brüderlichen Leben und seine Sendung als neuer Jünger Jesu fand: »Er wollte seine Seele dort Gott zurückgeben, wo er in der Zeit seiner Suche den Weg der Wahrheit gänzlich erkannt hatte« (1 C 108). Franziskus bezieht das Ambiente stimmungsvoll ein: »Er lud auch alle Geschöpfe zum Lobpreis Gottes ein, und durch Worte, die er einst gedichtet hatte, forderte er sie zur Liebe Gottes auf. Ja, sogar den Tod persönlich, von vielen gefürchtet, rief er zum Lobpreis. Fröhlich ging er dieser Schwester entgegen« (2 C 217). Rituale trugen dazu bei, das eigene Vertrauen zu nähren und das seiner Liebsten zu stärken: »Er ließ das Evangelienbuch bringen und bat, man möge ihm den Bericht nach Johannes vorlesen von der Stelle an, wo es heißt: ›Vor dem Osterfest‹ usw. Er erinnerte sich jenes Abendmahles, das Christus mit seinen Jüngern zuletzt feierte. Zum Erweis, welch innige Liebe er zu seinen Brüdern hatte, tat er dies alles. Darauf benützte er die wenigen Tage, die bis zu seinem Heimgang noch übrig waren, zum Lobe Gottes und forderte seine Gefährten auf, mit ihm Christus zu preisen« (2 C 217). Während heute viele Menschen anonym sterben, sorgte Franziskus dafür, dass seine Liebsten die letzten Stunden miterlebten. Der Freundin Jakaba schrieb er Tage zuvor einen Brief, der sie schnell nach Assisi zu kommen bat: »Wenn sie ihn, den sie so glühend (...) geliebt hat, noch sehen wolle, bevor er ins Vaterland heimkehre, dann solle sie in höchster Eile kommen. Der Brief wurde geschrieben, ein Eilbote gesucht, und dieser rüstete sich zur Reise. Da hörte man plötzlich vor dem Eingang Gewieher von Pferden, Lärm von Soldaten, zahlreichem Tross. Einer der Gefährten, der gerade dem Boten Anweisungen gab, ging an die Tür und fand diejenige anwesend, die er von fernher holen lassen wollte ... Dass an dem Wunder nichts fehle, fand sich, dass die heilige Frau alles mitgebracht hatte, was Franz im eben fertiggestellten Brief zu seinem Begräbnis gewünscht hatte: Ein aschgraues Tuch, das den Leib des Scheidenden bedecken sollte, viele Kerzen, Die Terrakotta-Armee wurde im 3. Jahrhundert v. Chr. für das Mausoleum des ersten chinesischen Kaisers Qin Shi Huang errichtet. Die rund 8.000 lebensgroßen, individuell gestalteten Soldaten, Pferde und Streitwagen sollten den Kaiser auch im Jenseits beschützen. terrakotta-armee © falco negenman – unsplash.com

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