9 FRANZISKANER 3|2026 Am Ziel die Pforte des Lebens Wie Franziskus Schwester Tod begrüßt Wir sind »Pilgernde und Gäste in dieser Welt«: Regel und Testament des Poverello erinnern an diese frühchristliche Weisheit. Pilgernde wandern zielgerichtet: Sie haben täglich ein Nahziel im Blick, und sie gehen auf ein Fernziel zu. Wer das ganze Leben als Pilgerweg versteht, sieht das Fernziel am Ende des Weges. Todesanzeigen spiegeln Vorstellungen davon. »Luzia lebt in unseren Herzen fort« – nur da? »Marc ist nicht mehr« – wirklich? »Toni ist von seinem Leiden erlöst« – wohin denn? Franziskus’ Gefährten meißelten ihre Gewissheit in einen kleinen Stein aus rotem Assisifels, als der Generalminister Pietro Cattani überraschend früh starb und in der Portiunkula beerdigt wurde. Der schlichte Stein ist in die rechte Außenwand der Kapelle eingemauert: »Im Jahre des Herrn 1221 hat der Leib von Bruder Pietro Cattani am 10. März hier seine Ruhe gefunden. Er selbst ist zu Gott gewandert. Der Herr schenke seiner Seele Lebensfülle (Segen)!« Franziskus ließ sich in seinen letzten Tagen von Assisis Bischofspalast, in dem er gepflegt worden war, zur Portiunkula bringen. Wo das gemeinsame Leben der Brüder begonnen hatte und wo sie nach ihren Wandermissionen immer wieder zusammenfanden, wollte er seinem Leib wie dem des Gefährten Pietro die letzte Ruhe gönnen. Von da aus würde auch seine Seele »zu Gott wandern«. Die Barditafel von Florenz, die erste Bildbiografie des Heiligen, drückt diese Vorstellung symbolstark aus. Sie stellt den Leib des Verstorbenen dar, der wieder in seine Kutte gehüllt auf einem rot bedeckten Lager liegt und von den Brüdern betrauert wird. Über dieser Szene tragen zwei Engel ein Kind in weißem Tuch in den Himmel. Es steht für die Seele des Heiligen, die gleichsam in die ewige Welt hineingeboren Niklaus Kuster OFMCap
RkJQdWJsaXNoZXIy NDQ1NDk=