Franziskaner - Herbst 2026

15 FRANZISKANER 3|2026 Bestattungskultur im Wandel Friedhöfe als Spiegel der Zeit Die Gestaltung eines Friedhofs erzählt sehr viel über das Leben der Menschen und ihren Umgang mit Sterben und Tod. Der Friedhof mit seinen unterschiedlichen Grabanlagen zeigt die Veränderungen in der Bestattungspraxis der letzten Jahrzehnte und ist damit zugleich Spiegel des Wandels einer zunehmend säkularisierten Gesellschaft. In diesem Jahr war ich zur Urlauberseelsorge auf Borkum und bin dort unterschiedlichen Orten des Gedenkens begegnet. Am alten Leuchtturm gibt es den kleinen Walfängerfriedhof, dessen Name auf die Haupteinnahmequelle der ostfriesischen Insel in früheren Jahrhunderten verweist. Gegenüber dem Seezeichen »Großes Kaap« liegt der »Drinkeldodenkarkhoff«, was hochdeutsch »Friedhof für Ertrunkene« bedeutet. In den Dünen, in der »Dodemannsdelle« (= »Tal des toten Mannes«) wurden die angespülten Leichname der Schiffbrüchigen bestattet. Seit 2009 erinnert ein Denkmal an die einstige Ruhestätte. Ein ökumenischer Gedenkort dient »Zur Erinnerung an die auf See vor Borkum Bestatteten«. Auf zwei großen Steinplatten mit wellenförmigem Rand finden sich kleine Namenstäfelchen derer, die auf See bestattet werden wollten. Den Angehörigen ist so ein Ort der Trauer gegeben. Ein weiterer besonders gestalteter Ort ist ein Teil des evangelisch-lutherischen Friedhofs unter dem Motto »Ruhen inmitten der Wogen«. Es handelt sich um eine Urnengrabanlage, die mit Mitteln des von der EU geförderten Projektes »Biodiversität auf kirchlichen Friedhöfen« errichtet wurde. Die Christusgemeinde, zu der der Friedhof gehört, vermerkt dazu: »Der Wandel der Bestattungskultur bietet die Chance, Grabanlagen durch naturnahe Flächen reicher und attraktiver für Mensch und Natur zu gestalten.« Die Urnengrabstätten sind alle mit Namen, Sterbedatum und einem Spruch gekennzeichnet. Die Mitte der Anlage bildet ein Boot aus Holz mit Bänken darin, dessen Mast zugleich ein Kreuz darstellt. Die Art der Gestaltung »soll Hinterbliebenen das Gefühl geben, dass Menschen, die von ihnen gegangen sind, einen ›Ankerplatz der Ruhe‹ gefunden haben«. Der Friedhof ist »auch der Ort, an dem die Botschaft verkündet wird, dass Jesus Christus dem Tod die Macht genommen hat«. Ich habe selten einen Ort gefunden, der mich auch persönlich so angesprochen hat. Friedhöfe stellen Fragen: Wo möchte ich meine letzte Ruhestätte finden? Wie soll sie gestaltet sein? Was soll sie über mich erzählen? Wissen meine Angehörigen um meine Vorstellungen? Habe ich meine Wünsche schriftlich festgehalten? »Bedenkt: Den eignen Tod, den stirbt man nur, doch mit dem Tod der andern muss man leben.« Diesen Hinweis der Dichterin Mascha Kaleko gilt es, im Herzen zu erwägen, denn es sind die Angehörigen, die mit dem Tod eines lieben Menschen klarkommen und dafür ihre persönliche Form der Trauer finden müssen. Lange galten in unserer christlich geprägten Gesellschaft zwei miteinander verknüpfte »Normalitäten«: die Sargbestattung und die konfessionelle Beerdigung. Beerdigt wurde auf dem geweihten »Gottesacker«, je nach Konfession getrennt. Mittlerweile ist die Zahl der kirchlichen Bestattungen auf unter 40 Prozent gesunken. Heute lassen sich in Deutschland bereits gut 80 Prozent der jährlich rund eine Million Verstorbenen in einer Urne und nur noch knapp 20 Prozent in einem Sarg bestatten. Während die evangelische Kirche die Kremation bereits 1920 erlaubte, war dies für die katholische Kirche erst in den 1960er-Jahren gestattet. Bis dahin galt Kremation als »neuheidnisch«, und Katholiken, die sich einäschern ließen, durften nicht kirchlich beerdigt werden. Die katholische Kirche legt Stefan Federbusch OFM

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