01.06.2026 Jan Frerichs

Buchtipp: Dein größter Schatz sind deine Werte

Ein spirituelles Praxisbuch für Menschen in und mit Verantwortung

Dein größter Schatz sind deine Werte – ein spirituelles Praxisbuch von Bruder Helmut Schlegel und Andrea Freund

Ein Schatz ist nicht das, was man besitzt, sondern das, was man freilegt. Wer sich auf dieses Buch einlässt, wird daran erinnert, dass die Werte, die unser Leben tragen, nicht erst hergestellt werden müssen. Sie können verschüttet sein und gehoben werden wollen. Schon der Titel deutet eine Bewegung an, die das ganze Buch trägt: weg vom immer sofort Machen, hin zum Freilegen.

Andrea Freund und Helmut Schlegel haben ein Praxisbuch für Menschen in Leitungsverantwortung geschrieben – aber sie tun es so, dass die übliche Sprache der Führungsliteratur darin keinen Platz hat. Wo dort der Sportler oder die Sportlerin das Leitbild ist, wer Ziele erreicht und gegen die Zeit kämpft, eröffnet dieses Buch ein anderes Bild: der Mensch in Verantwortung als Mitwirkender am Leben. Nicht Optimierer, sondern Teilhabender. Das klingt zunächst unaufgeregt. Aber es ist in Wahrheit ein scharfer Gegenentwurf – gerade jetzt, wo persönlicher Burnout und ökologische Krise gemeinsam die Quittung einer Logik werden, die das Kreisen um Besitz und Profit zum Höchstwert erhoben hat.

Das Buch steht damit in einer alten franziskanischen Linie. Schon Franz von Assisi war ein Gegenentwurf – zum Frühkapitalismus seiner Stadt, zum Markt, der in den folgenden Jahrhunderten so gut wie alles vereinnahmen sollte. Schlegel und Freund nehmen diesen Faden auf und entfalten ihn in 24 spirituellen Grundwerten, die sich in vier Praxisfeldern entlang der Jahreszeiten organisieren. Nicht Termine oder Meilensteine des unternehmerischen Wettbewerbs geben den Rhythmus vor, sondern Frühling, Sommer, Herbst, Winter – also jener Takt, dem wir als Mitgeschöpfe ohnehin folgen, ob wir es wollen oder nicht.

Bemerkenswert ist, was vor den 24 Werten steht. Im Basistext entfaltet das Buch sieben spirituelle Grundworte: JA, MIT, FÜR, IN, JETZT, NICHTS und UND. Diese sieben Worte bilden die heimliche Grammatik dessen, was »Mitwirken« heißt, und tragen das ganze Werk. Wer das Buch nur am Praxisteil aufschlägt, übersieht das Fundament leicht. Wer sich von den Grundworten inspirieren lässt, erkennt, dass es um eine andere Wahrnehmung dessen geht, was wir tagein, tagaus tun, wenn wir leben, arbeiten und entscheiden.

Aus derselben Quelle speist sich die ökologische Spiritualität, die das Buch durchzieht. Sie sieht Drinnen und Draußen als ein einziges Geschehen – ganz franziskanisch. Dass die Autorin und der Autor dafür auch Bilder aus dem indigenen Medizinrad einbinden (Himmelsrichtungen, Elemente, Farben), ist eine Brückenleistung, die ich nicht hoch genug einschätzen kann: Sie holen eine Praxis aus der esoterischen Ecke, in der sie zu Unrecht unter Häresie-Verdacht steht, und stellen sie neben Hildegard, neben Franz von Assisi, neben Viktor Frankl, neben die Bibel. Eine kleine Randnotiz sei erlaubt: Es gibt viele Räder, viele Zuordnungen, und der hier gewählte Zuschnitt ist eine eigene, fruchtbare Adaption. Die hätte man vielleicht transparenter als solche kenntlich machen können, um dem Eindruck stärker entgegenzuwirken, es gäbe das eine Medizinrad als feststehendes Konzept. Das ändert aber nichts an der Frische des Zugangs. Im Gegenteil: Wer das durchschaut, sieht, dass eigentlich die Jahreszeiten tragen, und die sind keine konzeptionelle Frage, sondern ökologisch-kosmische Tatsache.

Hildegard von Bingen hat dafür im 12. Jahrhundert eine Sprache gefunden: »Die ganze Natur sollte dem Menschen zur Verfügung stehen, auf dass er mit ihr wirke, weil ja der Mensch ohne sie weder leben noch bestehen kann« (De Operatione Dei). Sie kannte auch ihr eigenes Rad-Bild – »die Gottheit ist rund und reif wie ein Rad« – eine Erinnerung daran, dass zyklische Bilder der Wirklichkeit nicht nur die indigene Praxis kennt, sondern auch die mystische Tradition Europas. Was Hildegard viriditas nannte, die Grünkraft, in der und mit der der Mensch mitwirken soll, damit er nicht arid, dürr werde, ist genau das, was dieses Buch in 24 Wegen entfaltet: in täglicher Stille, wöchentlicher Reflexion, monatlichen Auswertungstagen, jahreszeitlichen Oasentagen und konkreten Ritualen – bis hin zum fastenden Schweigetag in der Natur.

Ich lese das Buch nicht nur als franziskanisch gesinnter Mensch, sondern auch als Unternehmer. Auch unsere Lebensschule »barfuß+wild« ist ein Unternehmen – und der Generalverdacht, Unternehmen wollten nichts als Profit, kann lähmen, wenn man ihm nicht mit einer eigenen Klärung begegnet. Das Buch von Schlegel und Freund hilft mir, diese Klärung sprachfähig zu machen. Und zwar gerade dadurch, dass es sich nicht der vorherrschenden unternehmerischen Logik unterwirft. Es bietet keine Werkzeuge für mehr Wirkung oder bessere Strategie. Es weist einen Übungsweg auf, aus dem heraus die eigene Verantwortung neu betrachtet und anders gewichtet wird. Bis hin zu der Frage, wem ein Unternehmen eigentlich dient. Wer diesen Weg ernst nimmt, wird darauf nicht ein für alle Mal antworten, aber er wird der Frage nicht mehr ausweichen und sie aus einem tieferen Gegründetsein in der kosmischen Wirklichkeit der Schöpfung heraus stellen.

Nicht nur für Menschen in Leitungsverantwortung, sondern für alle, die spüren, dass das Sportler-Bild und das Wettbewerbs-Paradigma nicht weit genug tragen und ihre Verantwortung in der Welt als Teilhabe an einem größeren Geschehen begreifen wollen, ohne sich dabei in spirituelle Scheinwelten zurückzuziehen. Ein praktisches Buch jenseits der Coaching-Logik, das die Quellen ernst nimmt, aus denen es schöpft.

Helmut Schlegel – Andrea Freund,
Dein größter Schatz sind deine Werte.
Ein spirituelles Praxisbuch für Menschen in und mit Verantwortung.

  • Echter Verlag 2026
  • 208 Seiten
  • 13,5 x 21 cm. Broschur
  • € 24,00 (D) / € 24,70 (A)
  • ISBN 978-3-429-06871-4

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