Oft ist das, was uns beschäftigt und uns besorgt, auch die Quelle für das, was jetzt dran ist. Mit dem Blick auf die Welt aus ihrer Perspektive kommentieren Franziskaner jeden Freitag, was sie wahrnehmen.

Gelb ist die Farbe des März. Vor zwei Jahren habe ich von einem Gärtner im Herbst 200 weiße und 300 gelbe Narzissenknollen geschenkt bekommen. Um das Kloster und die Suppenküche hier in Berlin-Pankow herum habe ich sie eingegraben. Und den März gespannt erwartet. Hoffentlich halten sie dem Frost stand. Noch gibt es Tage ohne Vogelgezwitscher. Der Vorfrühling ist in Berlin oft kalt und trüb. Der März ist ein zweifelhafter Monat, der viel verspricht und wenig hält. Am 1. März beginnt zwar der meteorologische Frühling, aber erst nach der Tagundnachtgleiche am 21. März ist die Dunkelheit endgültig besiegt. Ende Februar habe ich schon Kraniche gehört und gesehen. Und die Knollen der großen Kastanienbäume im Klostergarten sind prall und glänzen.
Und dann das Wunder: Mit den ersten warmen Sonnenstrahlen bricht die Erde auf, schießen die Narzissen gleichsam in die Höhe und leuchten weiß und gelb. 200 Gäste kommen durchschnittlich in die Suppenküche der Franziskaner. Manche bleiben stehen und schauen. Manche fotografieren mit ihrem Handy, andere beginnen zu lächeln. Viele unserer Gäste sind traumatisiert, leiden am Leben und an der Unwirtlichkeit des Winters. Viele zertreten Zigarettenkippen oder Flaschendeckel. Aber bisher hat noch keiner eine Narzisse zertreten. Aus Freude, aus Ehrfurcht? Die Narzissen blühen ohne Warum. Sie spiegeln das Licht und die Wärme der Sonne. In der Symbolsprache steht die Narzisse für Neubeginn, Fruchtbarkeit und Hoffnung. Es ist pure Freude, rund um das Kloster und die Suppenküche zu gehen und 500 Narzissen in Blüte zu sehen.
Franziskus hat Gott für Mutter Erde gelobt, weil sie bunte Blumen hervorbringt. Wahrscheinlich hätte er die gelben Winterlinden, Forsythien und Narzissen seine Schwestern genannt und niemals zertreten. Ein möglicher Vorsatz in der vorösterlichen Zeit: nichts zu zertreten.
Der Blick zurück, der Blick nach vorn, und der Blick nach innen.
Franziskaner kommentieren, was wichtig ist.
Immer freitags auf franziskaner.de.