Oft ist das, was uns beschäftigt und uns besorgt, auch die Quelle für das, was jetzt dran ist. Mit dem Blick auf die Welt aus ihrer Perspektive kommentieren Franziskaner jeden Freitag, was sie wahrnehmen.

Nachdem in der vergangenen Woche die unabhängige Studie zur Aufarbeitung von sexuellem Missbrauch mit einer Pressekonferenz veröffentlicht wurde, titelten mehrere Medien: Studie bescheinigt Franziskanern Totalversagen.
Mein Eindruck nach der Pressekonferenz war ein anderer: Gut, dass wir das Thema angehen, mit professioneller Unterstützung, mit dem Blick auf die Betroffenen und mit dem Willen, nichts mehr unter den Teppich zu kehren und diese himmelschreiende Praxis der Vertuschung und täterzentrierten Reaktionen, wie sie jahrzehntelang Praxis war, klar zu verurteilen. Auch Rückmeldungen von Familie, Freunden und Arbeitskollegen gingen in diese Richtung.
Doch es geht die Schlagzeile viral: Studie bescheinigt Franziskanern Totalversagen. Und ich muss leider sagen: Das stimmt. Es geht in der Studie um unerträgliche Beschreibungen, wie schwerpunktmäßig in den 1950er bis 1980er Jahren insbesondere Jungen in Internats-, Schul- und Gemeindekontexten oft über Jahre von Brüdern unseres Ordens sowohl sexuell missbraucht wurden als auch in einer Atmosphäre von Gewalt und Angst leben mussten. Dieser Abschnitt ihrer Kindheit und Jugend hat Wunden gerissen, die vieles, sehr vieles in ihnen kaputtgemacht haben. Es geht in der Studie darum, wie diesen jungen Menschen kein Gehör geschenkt und wie verantwortungslos auf solchen Missbrauch reagiert wurde. Offensichtlich gab es kein Mitgefühl für die Betroffenen, welches hätte auslösen können, dass mal einer von den anderen Brüdern oder weiteren Verantwortlichen sich klar auf die Seite der Kinder und Jugendlichen stellt.
Es tut weh, in der Studie zu lesen. Immer wieder. Wir setzen uns damit auseinander. Immer wieder. Wir stellen uns dieser abgrundtiefen Geschichte der Quälereien. Immer wieder. Einige Reaktionen auf die Studie waren auch: Jetzt muss es doch mal gut sein – nicht schon wieder!
„Nicht schon wieder!“ Das waren die verzweifelten Gedanken der Betroffenen. Ich spüre: Es wird erst dann gut, wenn es für sie gut ist. Der Abschlussbericht der Studie ist uns daher Verpflichtung, die Aufarbeitung konsequent fortzuführen und uns dafür einzusetzen, dass sich alle, mit denen wir zu tun haben, sicher und geschützt fühlen können.
Der Blick zurück, der Blick nach vorn, und der Blick nach innen.
Franziskaner kommentieren, was wichtig ist.
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