12.01.2026 Schwester M. Ancilla Röttger. Klarisse in Münster am Dom

Absichtslose Liebe

Sich franziskanisch-klarianisch beschenken lassen

Im Heiligsprechungsprozess von Klara von Assisi erzählen die Schwestern, die mit ihr zusammengelebt haben, das Leben mit Klara sei voller Wunder gewesen. Das klingt nach: »überraschend«, »unberechenbar«, in jedem Augenblick auf Gottes Geschenke eingestellt. So ist es auch gewesen – und das gilt heute immer noch. Zwar betteln die Klarissen nicht mehr von Tür zu Tür, leben aber immer noch von »Almosen«, von den Gaben, mit denen die Menschen die Schwestern unterstützen. Und das erfahren sie oft genug als Wunder.

Zu den Almosen gehören Geldgeschenke, mit denen Krankenkassenbeiträge und notwendige Alltagsausgaben wie Strom und Heizung bezahlt werden, ebenso wie Naturalien, Medikamente, Haushaltswaren – was auch immer für das alltägliche Leben notwendig ist. Das ist gelebtes Vertrauen, in dem oft gilt: „Was wir brauchen, haben wir; und was wir nicht haben, brauchen wir offensichtlich auch nicht. Und das, was wir wirklich brauchen, lernen wir oft erst dann kennen, wenn wir es nicht haben.“

 

Frische Früchte als Geschenk. Wer würde da ablehnen? Bild von Foto von Arturrro auf Unsplash

Schenken mit Würde

Eines dieser Alltagswunder begann zum Beispiel vor über 20 Jahren: Da lag an jedem Samstagmorgen vor unserer Tür eine kleine Tüte mit Obst. Eines Tages sahen wir den Spender: Ein kleiner Junge von damals vier Jahren huschte herein, während seine Mutter auf der Straße wartete, und legte seine Tüte schnell vor die Tür. Als die Mutter uns sah, meinte sie lachend: »Er möchte es so gern tun!« Der Kleine wurde älter, brachte sogar mal seine Freunde mit, die er uns vorstellte. Inzwischen sind mehr als zwei Jahrzehnte vergangen und seine Geschwister und die ganze Familie kommen immer noch manchmal samstags, um uns zu beschenken und ein kleines Gespräch mit der jeweiligen Pfortenschwester zu führen.

Das scheint mir der tiefste Sinn des Schenkens zu sein: Es geht nicht einfach nur darum, materielle Dinge weiterzugeben, sondern um die Beziehung, die darin entsteht und bleibt. Um die Dankbarkeit für das geteilte Leben und die absichtslose Liebe, die darin zu einem lebendigen Licht wird. Und wer dankbar ist, kann nicht unglücklich sein.

Sich beschenken lassen kann nur, wer sich selbst nicht als unabhängiges autarkes System versteht, wer Bedürfnisse nicht als Systemmängel ansieht und wer nicht meint, seine Freiheit zu verlieren, wenn er etwas annimmt, was er nicht selbst verdient hat. Aber: Wenn jemand sich nichts schenken lassen kann, hat er die Freiheit längst verloren. Wir sind keine autarken Wesen, sondern im Menschsein liegt schon die Bedürftigkeit begründet. Und die Geschenke, die auf unsere Bedürftigkeit antworten, sind oft ganz praktische Dinge.

Eines Tages gab es zum Frühstück die letzte Scheibe Käse aus dem Vorrat, was uns nicht weiter beunruhigte, denn Käse gehört nicht zum Lebensnotwendigen. Ganz überraschend kam mittags mit der Post ein Paket aus dem Allgäu. Die Absenderinnen waren uns bekannt, denn ab und zu schickten sie uns ein Päckchen mit immer gleichem Inhalt, und zwar roten Lichtchen und Traubenzucker. Dieses eine Mal war es aus unerklärlichen Gründen anders: In dem Paket war nur Käse! Da bleibt nur Dankbarkeit.

Einmal brachte uns ein Obdachloser, der sich bei uns immer ein Brot holte, eine ganze Tüte frischer Brötchen, die er geschenkt bekommen hatte. Für ihn war es zu viel, aber er meinte, wir würden sie doch an andere austeilen.

Es gäbe viele weitere Beispiele für diese Überraschungen zu erzählen. Was immer uns gebracht wird, teilen wir mit denen, die noch weniger haben. Im Laufe des Tages klopfen viele bei uns an, die sich etwas zu essen holen. Viele kommen täglich.

Und immer entsteht eine Beziehung, in der wir vom Leben dieser Menschen erfahren. Dabei spielt die Größe des Geschenkes gar keine Rolle.

Solidarisches Zwinkern

Schenken können ist genauso wichtig wie Geschenke empfangen können. Die heilige Klara schreibt im 8. Kapitel ihrer Regel ausdrücklich, dass eine Schwester, die von ihrer Familie etwas geschenkt bekommt, es haben soll. Und wenn sie es nicht selbst gebraucht, soll sie es einer anderen Schwester schenken dürfen, die es braucht. Auch angesichts der geliebten Herrin Armut hält Klara es für ein Zeichen unserer Würde, auch selbst etwas schenken zu können. Das Schenken muss sich notwendig mit der Haltung der Solidarität verbinden, wenn es nicht Herablassung sein soll und damit den anderen zum bloßen Almosenempfänger stempelt.

Auch der heilige Franziskus war bemüht, eine solche Solidarität am eigenen Leibe auszutragen. Wenn er einen Menschen traf, der weniger hatte als er, gab er sofort ab, was er mehr hatte. Und er tat das in einer Weise, die die Würde des Anderen betonte – mit Charme, Höflichkeit, und oft mit Humor.

Thomas von Celano, sein Mitbruder und zeitgenössischer Biograph, erzählt, wie Franziskus einmal einen neuen Mantel trug, um den sich die Brüder sehr für ihn bemüht hatten. »Da kam ein Armer daher und jammerte, dass seine Frau gestorben sei und die Familie in Not und Armut zurückgelassen habe. Franziskus sagte zu ihm: ›Diesen Mantel will ich dir um der Liebe Gottes willen geben, aber unter der Bedingung, dass du ihn an niemanden weitergibst, außer er bezahlt ihn gut!‹ Franziskus ahnte nämlich schon, was jetzt passieren würde. Die Brüder sahen, was da geschah, und kamen schnellstens hergelaufen, um dem Armen den Mantel wieder wegzunehmen und diese Schenkung rückgängig zu machen. Fast hätte der Arme ihnen den Mantel überlassen. Da las er im Gesichtsausdruck des heiligen Franziskus Ermutigung und fühlte sich durch dessen Augenzwinkern gestärkt, den Mantel als sein Eigentum mit Händen und Füßen zu verteidigen. Schließlich mussten die Brüder den Mantel zurückkaufen, und der Arme ging mit dem Kaufpreis davon.«

Franziskus machte diesen Armen nicht zum bloßen Almosenempfänger, sondern zum stolzen Besitzer eines Mantels, den er für teures Geld verkaufen konnte. Er besaß auf einmal etwas, was anderen viel wert war. In dem Augenzwinkern des Franziskus lag der Akt der Solidarität. Im Teilen erfahren wir Solidarität mit denen, die noch weniger haben.

 

Fenster in der Franziskanerkirche in Graz, Franziskus und Klara

Freiheit leben

Aus dem Beschenkt-Sein leben soll ein Zeichen sein, dass all das, was unser Leben lebenswert und kostbar macht, Geschenk ist und nicht zu kaufen oder zu verdienen ist. Wir leben aus der geschenkten Liebe und dem Angesehen-Werden, und das sollten wir mit allen teilen, die uns begegnen.

Kürzlich hörte ich jemanden empört sagen: »Ich lass mir doch nichts schenken!« Und es verbarg sich dahinter die Angst, jemand anderem verpflichtet zu sein – also Sorge um die eigene Freiheit. Nicht nur meine persönlich frei gewählte Lebensform als Klarisse steht dieser Haltung genau entgegen. Ich empfinde es nicht als Privileg, aus dem Beschenkt-Sein zu leben, sondern es scheint mir eine Lebensnotwendigkeit zu sein, sich beschenken lassen zu können. Ein Geschenk annehmen kann zum Beispiel nur jemand, der seinen Selbstwert nicht ständig von seiner eigenen Leistung abhängig macht. Dabei leben wir alle von Geschenken.

In dem Roman »Solange du da bist« des französischen Schriftstellers Marc Levy las ich folgende Geschichte: Sie, der Geist einer Frau, sagt zu ihm, dem Mann, der den Geist hört: Stell dir vor, bei einer Bank steht dir jeden Morgen ein Konto mit 86.400 Euro zur Verfügung. Alles, was du im Laufe des Tages nicht ausgegeben hast, wird dir am Abend wieder weggenommen. Jeden Morgen sind erneut 86.400 Euro auf dem Konto. Und: Die Bank kann das Spiel ohne Vorwarnung beenden. Was würdest du mit so einem Geschenk tun?

Was würde ich mit so einem Geschenk tun? Die Quintessenz der Geschichte ist: Jeden Morgen, wenn wir aufwachen, bekommen wir 86.400 Sekunden Leben für den Tag. Nichts wird gutgeschrieben. Was wir nicht gelebt haben, ist verloren. Mir geschenkte Zeit zum Leben – welch ein kostbares Geschenk! Füllen wir sie mit Leben. Gestehen wir getrost unsere Abhängigkeit ein – darin liegt unsere Freiheit.

 

Artikel aus der Franziskaner Mission, Ausgabe 4/2025: Geschenkt -Bedankt!


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