
Die Skulptur steht sinnenfällig bei der Kirche Santa Maria von Rivotorto, in der italienischen Gemeinde Assisi: Geerdet und beflügelt blickt Franziskus von Assisi singend zum Himmel, von einem Reigen tanzender Kinder und von flatternden Vögeln umringt. Die Botschaft des Künstlers Fiorenzo Bacci ist unüberhörbar: Schöpfungs-, Menschen- und Tierliebe verbinden sich im Leben des Gottesfreundes untrennbar.
Bevor es Barockkünstlern gefallen sollte, den Poverello mit Kreuz und Totenkopf als ausgemergelten Asketen in finsterer Zeit zu malen, war die Vogelpredigt das häufigste Motiv, mit dem der Bruder dargestellt wurde. Sein Leben und seine Botschaft haben ihren Ort mitten in der geschaffenen Welt, deren Gotteslob alle Geschöpfe einbeziehen soll. Einzig das Evangeliar in den Händen des Bruders konnte als Attribut mit den Vögeln mithalten. Das älteste Fresko vom Heiligen in seiner Grabeskirche, Basilika San Francesco, verbindet beide Motive: Von einem Gefährten begleitet, trägt Franziskus das Evangelium beherzt durch die Welt und richtet die frohe Botschaft auch an die Vogelwelt. Dass die Skulptur in Rivotorto vor Assisis Kulisse steht, könnte biografisch nicht stimmiger sein. Erst der Bruch mit der Stadt und das Leben vor ihren Mauern als »Bruder, der durch die Welt zieht«, taucht Franziskus derart in die Schöpfung ein, dass auch die Tiere zu seinen Geschwistern werden.
Aufatmende Schöpfung
Vögel begleiten das ganze Wanderleben des Bruders. Im Kinofilm »Bruder Sonne – Schwester Mond« lässt Franco Zeffirelli 1972 einen Spatzen den Auftakt setzen. Der kleine Vogel weckt auf dem Fenstersims mit seinem Gesang die Lebensfreude des Genesenden neu, der durch Krieg, Kerker und schwere Krankheit tief erschüttert und über Monate ans Bett gebunden war. Franziskus verlässt sein Bett wackelig auf den Beinen und wird vom Vögelchen ans Fenster und auf den Ziegelfirst des darunterliegenden Daches gelockt. Es sind die ersten Schritte in ein neues Leben. Als Franziskus in diesem Film später mit ersten Gefährten vor Papst Innozenz III. steht und dieser die Armut der Brüder nicht verstehen kann, zitiert Franziskus die Bergpredigt Jesu: »Lernt von den Vögeln des Himmels: Sie säen nicht und ernten nicht! Der himmlische Vater sorgt für sie …«. Tatsächlich rufen sowohl Gefährten wie die Biografen des Poverello in Erinnerung, wie ermutigend Franziskus seinen Brüdern das Leben und Singen der Vögel vor Augen stellte. So kommt eine Textsammlung, in die Erinnerungen von Bruder Leo einflossen, auf die Verwandtschaft der Brüder mit Lerchen zu sprechen: »Franziskus pflegte von der Lerche zu sagen: ›Schwester Lerche hat eine Kapuze wie wir Brüder und ist ein demütiger Vogel, der sich auf den Wegen der Welt ein paar Getreidekörner sucht … Im Flug lobt sie Gott, wie gute Ordensleute das Irdische im Blick und zugleich dem Himmel zugewandt. Ihr Federkleid ist braun wie die Erde und ermutigt uns, keine farbigen und feinen Kleider haben zu wollen‹.« Dieser Nähe zu »den Schwestern Lerchen« wegen »liebte er sie sehr und sah sie gerne« (Per 14: FQ 1103).
Die Vogelpredigt wird von den Biografen einhellig erzählt und auf den frühesten Tafelbildern derart prominent als herausragende Szene seines Lebens dargestellt, dass am Faktum nicht zu zweifeln ist (1 C 49: FQ 234-235). Allerdings spricht aus der für mehrere Orte bezeugten Geschichte nicht Naturromantik, sondern ein Ernstnehmen des Evangeliums, wie es uns vergleichbar einzig bei irischen Mönchen des Frühmittelalters begegnet. Sandte Jesus seine Jünger in Galiläa aus, um Frieden in die Häuser, Dörfer und Städte zu tragen, weitet sich der Auftrag nach Ostern: Der Auferstandene sendet seinen Kreis bis »an die Grenzen der Erde« (Mt 28), um »das Evangelium allen Geschöpfen zu verkünden « (Mt 16). Paulus legt im Römerbrief nach: »Die ganze Schöpfung wartet sehnlich darauf, dass wir Menschen uns als Söhne und Töchter Gottes erweisen « (Röm 8). Franziskus lernt, als Sohn Gottes und Jünger Jesu so zu leben, dass die Schöpfung aufatmen kann und mit ihm gemeinsam ins Gotteslob einstimmt.
Lobpreis Gottes
Unter den Tiergeschichten, die das Wanderleben des Bruders prägen (2 C 56: FQ 332), gesellen sich weitere Episoden mit Vögeln zu den Vogelpredigten. Auf La Verna gewöhnt sich ein Falke an die Gebetszeiten des Bruders und flattert jeweils auf einen Baumast über seiner Höhle, wenn Franziskus sieben Mal am Tag und einmal in der Nacht das Gotteslob singt (2 C 168: FQ 392). Auf dem See von Rieti wird Franziskus von einem Fischer ein junger Wasservogel geschenkt, dem der Bruder mit den Händen ein Nest formt, bis er sich beruhigt, ihn dann segnet und frei in seinen Lebensraum zurückkehren lässt (2 C 167: FQ 391). Dasselbe soll in Siena, wo Franziskus im Frühling 1226 schwer krank gepflegt wird, mit einem gefangenen Fasan geschehen. Der Vogel freundet sich mit ihm an (2 C 169: FQ 392).
Die Vision auf La Verna wird im Frühherbst 1224 von Vögeln vorbereitet, die Franziskus bei seiner mystischen Tabor-Erfahrung näherstehen als die Brüder: »In aller Frühe nun, beim Morgenrot, als er gerade beim Gebet weilte, erschienen Vögel verschiedener Gattungen über der Zelle, wo er wohnte, nicht alle gleichzeitig zusammen, sondern zuerst kam einer, sang seine liebliche Weise und flog wieder weg; dann kam ein anderer, sang und flog wieder weg; und so machten es alle. Franziskus war darüber höchst verwundert … Da wurde ihm von Gott im Geiste gesagt: ›Dies ist ein Zeichen, dass der Herr dir in dieser Zelle Gutes tun und dir viele Tröstungen schenken wird‹.« (Per 118: FQ 1203).
So sehr sich Franziskus den Vögeln verbunden fühlt, er erwähnt sie in seinem Sonnengesang erstaunlicherweise nicht. Das Schöpfungslied nennt keine Tiere, weil dessen Urversion diese wie auch Pflanzen und Menschen durch die vier Urelemente »mit allen Geschöpfen« einbezieht: Alle Lebewesen bestehen aus Erde, atmen Luft, brauchen Wasser und tragen Energie in sich. Eine Vorform des Sonnengesangs nennt die Vögel jedoch prominent als Vertreter der ganzen Tierwelt. Die »Einladung zum Gotteslob«, vom Poverello in der Eremitage Romita von Cesi gedichtet und für die Brüder auf eine Holztafel geschrieben, singt in einer Passage: »11 Alle Geschöpfe, lobpreist den Herrn. 12 Alle Vögel des Himmels, lobt den Herrn. 13 Alle Kinder, lobt den Herrn. 14 Jünglinge und Jungfrauen, lobt den Herrn!« (FQ 14).
Franziskus will Anfang Oktober 1226 sterbend den Sonnengesang hören. Seine Brüder erfüllen ihm den Wunsch und machen dann eine berührende Erfahrung: »Am späten Samstagabend nach der Vesper vor der Nacht, in welcher der selige Franziskus zum Herrn ging, flogen viele Vögel, die man Lerchen nennt, nicht sehr hoch über dem Dach des Hauses, in welchem unser Bruder ruhte, und zogen singend eine kreisförmige Bahn. Wir, die wir mit Franziskus zusammen gewesen sind, bezeugen dies und haben es aufgeschrieben« (Per 14: FQ 1103). Franziskus wollte nackt auf der Mutter Erde sterben und die Welt so verlassen, wie er in sie geboren worden war. Und die Vögel des Himmels, die sein Wanderleben begleiteten, kündigten den Brüdern in Franziskus’ eigener Sterbestunde seinen Einzug in den Himmel an.
Der Autor, Bruder Niklaus Kuster, ist Mitglied der Schweizer Kapuzinerprovinz, promovierter Theologe und Franziskusforscher. Er lehrt Spiritualität an der Universität Luzern, an der franziskanischen Universität Antonianum in Rom sowie an den Philosophisch-Theologischen Hochschulen in Münster und Madrid. Der Artikel erschien in der Zeitschrift Franziskaner Mission 1/2026