19.06.2026 Bruder Thomas Abrell

Übergänge

| Jetzt | Der Kommentar der Woche

Oft ist das, was uns beschäftigt und uns besorgt, auch die Quelle für das, was jetzt dran ist. Mit dem Blick auf die Welt aus ihrer Perspektive kommentieren Franziskaner jeden Freitag, was sie wahrnehmen.


Bruder Thomas Abrell

Dieser Tage durfte ich einen interessanten Vortrag unter dem Stichwort „Transitus“ – Hinübergang – hören. Als Transitus wird bei den Franziskanern die Sterbestunde des heiligen Franziskus bezeichnet. Bei dem Vortrag ging es aber nicht um das Sterben des Franziskus von Assisi, sondern um eine Linie, die das ganze Leben des Heiligen durchzieht, nämlich das Überschreiten von Grenzen, die ein menschliches Leben bestimmen. Dieses Überschreiten hat mit dem Überwinden von Angst zu tun, der Angst vor dem Unbekannten und Fremden.

Manchmal wird unsere Gesellschaft in Deutschland abschätzig als eine Gemeinschaft von Angsthasen gesehen. Die Sorge um das tägliche Auskommen und die Angst vor der Zukunft begegnen uns tagtäglich in der öffentlichen Berichterstattung. Und notwendige Reformen scheitern häufig an Bedenkenträgern, für die jede Veränderung als Bedrohung gesehen wird.

Franziskus von Assisi dagegen war getragen von der Zuversicht, dass das Überschreiten von Grenzen in eine größere Fülle an Leben führt. Genährt wurde diese Zuversicht von Gottvertrauen und damit von der Gewissheit, dass Gott die Fülle ist und uns Menschen Anteil an seiner Fülle geben wird, wenn wir es wollen.

Der Weg in diese Fülle ist ein Transitus, nämlich das Überschreiten von Grenzen, wie sie durch Gewohnheiten und dem Wunsch nach vermeintlicher Sicherheit gesetzt werden. Grenzen engen ein und lassen uns verarmen, gerade wenn es um die Beziehung zu unserer Mitwelt geht. So einen Deckel, der Migration verhindern sollte, hat gerade die Bevölkerung der Schweiz abgelehnt. Sie haben die Gefahr der Verarmung erkannt, die hier im Raum stand.

Der Transitus als das Überschreiten von Grenzen ist nicht ein Ende, sondern der Weg in die größere Fülle des Lebens, aber er erfordert Mut. Franziskus ermutigt zum Transitus, war für ihn sogar der Tod nicht das Ende, sondern der Hinübergang in die größere Fülle des Lebens bei Gott.


Der Blick zurück, der Blick nach vorn, und der Blick nach innen.
Franziskaner kommentieren, was wichtig ist.
Jeden Freitag auf franziskaner.de


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