
Ausstellung im Domquartier, Salzburg. Bis 2. November 2026
Am 15. Mai 2026 hat Papst Leo seine erste Enzyklika „Magnifica Humanitas. Über die Bewahrung des Menschen im Zeitalter der künstlichen Intelligenz“ veröffentlicht. Diese Veröffentlichung „Über die Bewahrung des Menschen im Zeitalter der künstlichen Intelligenz“ fällt zeitlich zusammen mit der Eröffnung der Ausstellung „Lebenskunst. 800 Jahre Franz von Assisi“. Spannenderweise trifft man gerade hier auf ein Beispiel für die Anwendung künstlicher Intelligenz: nämlich auf das Plakat, mit dem für die Ausstellung geworben wird.
Dafür sind eine Skulptur der Künstlerin Eva Mazzucco aus dem Jahr 1974/1975 und ein Bild des Künstlers Franz von Zülow aus dem Jahr 1922 miteinander per KI-Funktion kombiniert und dann nochmals nachträglich bearbeitet worden. Die finale Ausarbeitung und Illustration wurden dann per Hand gemacht.
Wie ist das einzuordnen? Im Grunde wird damit eine seit 800 Jahren andauernde Herausforderung im Umgang mit der Gestalt des Franziskus von Assisi deutlich: seine faszinierende und für seine Söhne und Töchter mitunter auch anstrengende Deutungsoffenheit und Anschlussfähigkeit für die jeweilige Zeit. 800 Jahre Franz von Assisi heißt auch 800 Jahre Konstruktion verschiedener Franziskusbilder. Dazu einige Anmerkungen:
Die Anmutung des Ausstellungsplakates ist ein einladender und lebensbejahender, durch Bart, Tonsur, Kutte und Sandalen erkennbarer Ordensmann vor einem lebendigen, durch die Vögel repräsentierten Naturhintergrund. Das stärkste Merkmal der Darstellung ist allerdings ihre radikale Offenheit für sehr viele Deutungsmöglichkeiten. Ausgespart sind tatsächlich alle auch nur leicht erklärungsbedürftigen Elemente der Franziskusikonografie. Dieser Franziskus steht für eine sehr allgemein gehaltene Einladung und Offenheit, symbolisiert durch alle Arten von Vögeln in seinem Hintergrund.
Von der Vorlage zum Werbeplakat
Was Eva Mazzucco und Franz von Zülow einte, war ganz offensichtlich die Wahl des Sujets der Vogelpredigt. Die Eigenart der Darstellung für die Ausstellung des Jahres 2026 erschließt sich aber erst aus den Unterschieden der zugrundeliegenden Kunstwerke. Für das Zentrum des Werbeplakats wurde die Gestalt der Skulptur von Mazzucco übernommen. Folgende Abweichungen fallen auf: Zwar ist ein freier und offener Stand mit weit ausgebreiteten Armen geblieben, auf dem Plakat wurde der Heilige aber zusätzlich verschlankt, der Faltenwurf des Habits verändert und er hat deutlicher ausgearbeitete Sandalen erhalten. Von dem noch auf der Bronzeskulptur präsenten typischen franziskanischen Strick wurden auf dem Plakat die Knoten entfernt. Auch schweift auf der Vorlage der Blick des Heiligen über einen auf der rechten Hand positionierten Vogel in die Ferne. Der Franziskus des Plakats schaut dagegen in Richtung des Betrachters, wenn auch leicht links an ihm vorbei. Weiterhin verzichtet das Plakat auf zwei weitere Vögel, die bei Mazzucco auf der Schulter und der rechten Hand des Heiligen sitzen. Dadurch wird die ausladende Haltung des Franziskus umso mehr unterstrichen.

Das Bild von Franz von Zülow wurde vor allem für die Gestaltung des Hintergrunds der Franziskusgestalt herangezogen. Entfallen ist damit auch der bei seinem Franziskus vorhandene Nimbus des Heiligen. Übernommen worden sind stattdessen Bart und Tonsur, die bei Mazzucco fehlen. Während sie jedoch auf der Zeichnung nur angedeutet sind, werden sie auf dem Plakatmotiv sorgfältig ausgeführt. Die Vögel sind im Detail praktisch eins zu eins übernommen, werden aber anders positioniert. Während sie im Bild des Jahres 1922 eher Umfeld oder Publikum des predigenden Franziskus bilden, bilden sie jetzt seinen unmittelbaren Hintergrund. Nicht zuletzt ist der Standort des Poverello verändert: Auf dem älteren Bild predigt er von einer grünen Insel aus, für die Ausstellung hat man ihn auf einem Weg positioniert.
Radikal eingegriffen worden ist auch bei der Farbgebung! Entfernt sind alle Grüntöne, und wo bei von Zülow Marineblau eingesetzt war, dominieren jetzt Dunkelblau und Violett. Zusätzlich sind die Farben Rot, Orange und Rosa stark gemacht worden.
Wie kam es zu diesem Motiv? Was bewegte die Auftraggeber zu einer Zustimmung?
Mit der Ausführung beauftragt war die Werbeagentur Salić in Salzburg. Durchgeführt wurde das Projekt durch Valentina Lancelloti und Stefanie Aunitz. Sie erhielten die Vorgabe, Objekte aus der Ausstellung zu verarbeiten. Nur bestand bis zuletzt die Unsicherheit bei vielen Objekten, ob sie auch tatsächlich zur Verfügung stehen würden. Sehr früh fragten die Werbefachleute zusätzlich nach der angesprochenen Zielgruppe für die Werbung. Erfahrungsgemäß zieht das Dommuseum in Salzburg ein internationales, auch außereuropäisches Publikum an.

Was an der vorgeschlagenen Lösung überzeugte: Die Skulptur von Mazzucco und das Bild von Zülows waren zuverlässig erhältliche Objekte. Außerdem war es technisch möglich, nachträglich noch Sandalen und den Weg nachzuarbeiten. Bei der Farbigkeit des Entwurfs gefiel, dass sich diese Darstellungsweise von anderen Plakatmotiven in ihrer Lebendigkeit abhebt, sie aber dennoch dem Farbkanon folgt, mit dem das Dommuseum auch sonst wirbt. Wichtig war vor allem die potentielle Attraktivität für ein möglichst breites Publikum, um Menschen dafür zu gewinnen, die Ausstellung zu besuchen.
Der Entstehungsprozess des Ausstellungsplakates passt übrigens zur Rezeptionsgeschichte der Vogelpredigt. Die ist in den Quellenschriften in mehreren Ausrichtungen erzählt, entsprechend welches Franziskusbild man vermitteln wollte. Thomas von Celano (3 Celano 20-21), Roger von Wendover (Wend 7-8), Bonaventura (LM XII 3-4) oder die Fioretti (Fior 16) haben bei näherer Betrachtung durchaus unterschiedliche Konzepte.
Ist das unter Zuhilfenahme digitaler Mittel entstandene Bild jetzt eigentlich ein neues Kunstwerk oder ein Mischmasch aus zwei Vorgängerkunstwerken? Eine berechtigte Frage! Das päpstliche Lehrschreiben „Magnifica Humanitas“ spricht Kunst und Kultur nichts weniger zu als Funktion, den Menschen für die Erkenntnis Gottes und den nächsten zu öffnen. Beide hüten, „wenn sie authentisch sind, diesen Funken und verhindern damit die Normalisierung des Bösen“ (vgl. Nr. 122). Ist das Ausstellungsplakat „authentisch“ oder nicht? Oder ist das schon „Computerkunst“? Für „pro“ und „contra“ lassen sich Argumente finden! Gleichzeitig verweist der Papst darauf, dass es im Umgang mit der Wahrheit eben nicht darauf ankommt, „kulturelle Festungen zu bewachen, sondern Prozesse des Guten in Gang zu setzen und sie reifen zu lassen“. Denn die Wahrheit des Evangeliums „ist eine Wahrheit, die die Vielfalt nicht fürchtet, sondern annimmt und ordnet; die die Konflikte nicht beseitigt, sondern verwandelt; die wieder zusammenfügt, was die Geschichte zu zerstreuen droht.“ (Nr. 25)
Auf diesem Hintergrund lässt sich feststellen: Das Ausstellungsplakat ist eine Einladung zu einer hochaktuellen Diskussion! Und das ist wohl ein Zeichen für die Lebendigkeit des Franz von Assisi – auch nach 800 Jahren.