Am 11. September 2001 verübten islamistische Terroristen Anschläge auf das World Trade Center (WTC) und das Pentagon in den USA. Ein weiteres Flugzeug stürzte in Pennsylvania ab. Etwa 3.000 Menschen starben. Bruder Augustinus Diekmann war damals in New York – in diesem sehr persönlichen Erfahrungsbericht teilt er seine Erinnerungen zum denkwürdigen 25. Jahrestag des 11. September.
Herr, nimm mich dahin,
wohin ich gehen soll,
lass mich die treffen,
die ich treffen soll,
sage mir, was ich sagen soll,
und lass mich
DIR nicht im Wege stehen.
Pater Mychal Judge OFM
Die Vorgeschichte

Als ich direkt nach meinem Abitur in den Franziskanerorden eintrat, spielte vor allem das Streben des Ordensgründers Franziskus von Assisi nach Gerechtigkeit eine wichtige Rolle für mich. Dieser Gerechtigkeitssinn veranlasste mich auch dazu, nach dem Philosophie- und Theologiestudium in unsere Mission im Nordosten Brasiliens zu gehen. Angesichts der dortigen Menschenrechtsverletzungen, vor allem auch im Kontext der sich ausbreitenden Landkonflikte, engagierte ich mich schon bald im franziskanischen Dienst für Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung. In diesem Dienst war ich viele Jahre auch auf internationaler Ebene tätig und so in engem Kontakt mit Franciscans International (FI), einer Nichtregierungsorganisation bei der UNO. Es war uns wichtig, die Anliegen der an den gesellschaftlichen Rand gedrängten Menschen im sogenannten »Armenhaus« Brasiliens auf die Tagesordnung der Vereinten Nationen zu bringen. Deshalb wurde ich im Frühjahr des Jahres 2001 als neuer Geschäftsführer von FI nach New York berufen. Ich sollte so meine europäischen und südamerikanischen Erfahrungen im Einsatz der internationalen Franziskanischen Familie für die Menschenrechte bei der UNO einbringen.
Mein Leben im »Big Apple«
Es war ein sehr herausfordernder Wechsel vom landwirtschaftlich geprägten Nordostbrasilien in die Häuserschluchten von Manhattan. Für einen Sauerländer wie mich waren die Skyline atemberaubend, der Straßenverkehr erschreckend und der Lärm unerträglich. Dazu kam das ungewohnte Gemeinschaftsleben in einem Kloster mit 50 Franziskanern in der 31st Street, ganz in der Nähe von Penn Station. Von dort konnte ich zu Fuß das FI-Büro und auch den Hauptsitz der Vereinten Nationen erreichen. Wenn ich abends zurück zum Kloster ging, beeindruckten mich jedes Mal die hell erleuchteten Türme des WTC. Jedes dieser gigantischen Gebäude war wie eine Kleinstadt mit mehreren Zehntausend Menschen. Überhaupt waren die unzähligen Wolkenkratzer auf engstem Raum etwas ganz Neues für mich. Ich fühlte mich als Fußgänger wie ein Winzling. Gott sei Dank konnte ich mit dem Franziskaner Mychal Judge, Kaplan der Feuerwache gegenüber dem Kloster, schnell Freundschaft schließen. Wenn wir uns im Treppenhaus oder bei den Mahlzeiten trafen, fragte er immer wieder: »Augustinus, was macht dein Einsatz für Gerechtigkeit und Frieden?« Er war an unserer Menschenrechtsarbeit sehr interessiert und brachte seine konkreten Erfahrungen in Manhattan ein.
Das Wochenende vor dem Anschlag
Am Freitag, dem 7. September 2001, sprach mich Father Mychal morgens an: »Ich bekomme heute Besuch von Marcelino, dem Sohn einer guten Bekannten aus Texas. Die Familie stammt ursprünglich aus Mexiko. Leider habe ich in diesen Tagen als Seelsorger viele Verpflichtungen in der Feuerwache. Es wäre schön, wenn du dich um Marcelino kümmern könntest.« Ich willigte ein und empfing den jungen Klostergast. Am nächsten Tag ging ich mit ihm zum Sightseeing in Manhattan. Natürlich führte uns unsere Tour auch zu den Zwillingstürmen des WTC. Auf einem Platz unter den beiden Giganten standen Hunderte von weißen Plastikstühlen, übrig geblieben von einem Livekonzert. Marcelino und ich setzten uns und blickten himmelwärts. Die Größe der Zwillinge war unbeschreiblich. »Nicht auszudenken, wenn hier mal was passiert. Das wäre echt ein Desaster «, bemerkte ich nebenbei. Am Sonntag waren wir dann auf dem Empire State Building. Unser Blick auf ein Meer von Wolkenkratzern war beeindruckend, aber vor allem die Zwillingstürme überragten majestätisch alle anderen Gebäude.
Der Tag des Terrors

Am Dienstag, dem 11. September 2001, bereitete ich mich nach dem Frühstück auf meinen Fußweg zum FI-Büro vor, als auf der Nachrichtenseite meines PCs plötzlich ein kurzes Video immer wiederholt wurde. Es zeigte ein Passagierflugzeug, das direkt in den oberen Teil eines der Zwillingstürme flog. Ich konnte es erst nicht glauben und hielt es für eine Szene aus einem Science-Fiction-Film. Aber schon bald wurde mir und den Brüdern im Kloster klar, dass das Ganze Realität war. Father Mychal war mit seinen Feuerwehrleuten schon zum WTC ausgerückt. Über der Stadt hörte man die Sirenen von immer mehr Feuerwehrautos und Notarztwagen. Ich traf mich mit Marcelino. Wir zwei verfolgten die schockierende Berichterstattung, die damals wie ein Lauffeuer um die Welt ging: Zunächst brannte der erste Zwillingsturm. Dann sahen wir Filmaufnahmen, wie ein anderes Verkehrsflugzeug in den zweiten Turm flog und ihn ebenfalls in Brand setzte. Dann wurden Bilder gezeigt, wie Hunderte von Feuerwehrleute und Polizeikräfte in die brennenden Türme stiegen. Während wir gebannt auf den Bildschirm starrten, brachte ein Nachrichtensender plötzlich ein Foto von einer Gruppe von Helfern, die einen zusammengesackten Mann auf einem weißen Plastikstuhl wegtrugen. Wir waren uns sofort einig: Das konnte nur unser Father Mychal sein. Später erfuhren wir, dass er wohl, während er sich um die ersten Opfer unterhalb der brennenden Türme kümmerte, von einem herunterstürzenden Gebäudeteil erschlagen wurde. Die Helfer trugen den toten Feuerwehrkaplan in eine benachbarte griechisch-orthodoxe Kapelle und legten ihren Father Mychal, wie wir später erfuhren, vor dem Altar nieder. Der tote Franziskaner hat mit seinem Tod wohl das Leben der fünf Familienväter gerettet. Denn während sie dem Toten noch die letzte Ehre erwiesen, brach der erste Zwillingsturm in sich zusammen. Höchstwahrscheinlich wären die fünf Träger auch noch in eines der beiden Gebäude gestiegen und würden heute zu den vielen Opfern gezählt.
Terror traumatisiert!
Auf Bitten von Father Mychal sollte ich mich um seinen Besuch aus Texas kümmern. Am Tag des unvorstellbaren Terrors passten wir in besonderer Weise auf uns auf. Die laute Stadt mit dem lärmenden Verkehr stand von einem zum anderen Moment still. Staubschwaden lagen über Manhattan. Nur die Sirenen der Rettungswagen bestimmten jetzt das Leben. Auch die Klostergemeinschaft stand unter Schockstarre. Der Austausch unter den Brüdern war ein hilfreiches Ventil. Nach einer durchwachten Nacht gingen Marcelino und ich am 12. September Richtung Ground Zero – so weit es ging. Wir betrachteten das Ende der Zwillinge aus der Nähe, tauschten uns über erschreckende Eindrücke aus und beteten. Der junge Marcelino beschloss, so schnell wie möglich nach Texas zurückzukehren. Ich versuchte, ihm diesen Plan auszureden: »Wenn du jetzt vor dieser traumatisierenden Wirklichkeit flüchtest, wirst du es später vielleicht mal bereuen. Bleib wenigstens bis zur Beerdigung von unserem Father Mychal.« Damit hatte ich den jungen Mann schließlich überzeugt. Reaktionen auf den 11. September 2001 Immer mehr E-Mails und Telefongespräche erreichten mich, vor allem von Bekannten aus Lateinamerika. Mit einer gewissen Schadenfreude ordneten sie den Terror und seine vielen Opfer als verständlichen Schlag gegen die amerikanische Supermacht ein, als eine Rache für viele Menschenrechtsverletzungen. Diesen Zahn musste ich, der Wahrheit halber, meinen Bekannten ziehen: Ein Großteil der Tausenden von Opfern waren nicht etwa US-Amerikaner, sondern Gastarbeiter aus ganz Lateinamerika (Latinos!), die unter anderem in den vielen Küchen oder in der Gebäude- und Toilettenreinigung tätig waren. In zahlreichen Fällen, so stellte sich später heraus, hatten die betroffenen Familien sogar Angst, ihre Verluste öffentlich zu machen, da ihre Toten und sie selbst illegal im Land waren. Vermutlich wäre so die Opferzahl noch viel höher als die offiziellen Zahlen. Unter dem 11. September litt auch unsere NGO Franciscans International. Es fehlte den franziskanischen Gruppen in den USA der nötige Abstand zum Terrorgeschehen. Außerdem schwächten nationalistische Tendenzen mehr und mehr die Internationalität unserer NGO. Auch das brachte mich Anfang 2002 zur Entscheidung, zurück nach Brasilien zu gehen.
Beisetzung mit internationaler Tragweite
Für Samstag, den 15. September 2001, war die Beerdigung unseres Father Mychal angesetzt. Zum Requiem für den Verstorbenen war die Unterkirche in der 31st Street in Manhattan überfüllt. Der Tote lag in einem offenen Sarg und wurde so zu einem Abschiedssymbol für die Angehörigen der vielen Opfer, die durch den Einsturz der Zwillingstürme praktisch pulverisiert wurden und höchstens als nicht identifizierte sterbliche Überreste in den Schuttbergen von Ground Zero gefunden wurden. Über nationale und internationale Fernsehkanäle verfolgten unzählige trauernde Angehörige der Tausenden von Opfern den Abschied eines Franziskaners, den seine frühere Heimat Irland auf der Titelseite einer großen Tageszeitung als »Our holy Mychal Judge« bezeichnete. Neben zahlreichen Feuerwehrleuten, Rettungskräften, Freunden und der Klostergemeinschaft war auch das Ehepaar Clinton gekommen. Hillary Clinton würdigte in einer kurzen Ansprache vor dem Schlusssegen Mychal Judge als großen Verfechter der Menschenrechte, vor allem durch seinen unermüdlichen Dienst an den Obdachlosen in Manhattan. Durch viele schriftliche Zeugnisse, die den damaligen Guardian erreichten, wurde allen klar, warum unser Mitbruder im Kloster und auch in seiner Feuerwache oft zu spät kam. Father Mychal wurde in der Franziskanergruft am Stadtrand beigesetzt. Marcelino und ich gingen am Sonntag, dem 16. September, nochmals zum Grab. Jeder von uns nahm einen Tannenzapfen von dort als Erinnerung mit.
Marcelino war froh, doch noch bis zur Beerdigung des guten Freundes seiner Familie geblieben zu sein, und kehrte nach Texas zurück. Mein Tannenzapfen liegt noch heute als Erinnerung an das Ende der Zwillingstürme und den Abschied eines lieben Mitbruders in meinem Zimmer in Dortmund. Diese meine Erlebnisse aufs Papier gebracht zu haben, ist mir nicht leichtgefallen, da viele Gefühle von damals wieder hochgekommen sind. Aber als Zeitzeuge fühle ich mich mitverantwortlich, die Geschehnisse des 11. Septembers 25 Jahre danach, auf meine ganz persönliche Weise, zu teilen.