Oft ist das, was uns beschäftigt und uns besorgt, auch die Quelle für das, was jetzt dran ist. Mit dem Blick auf die Welt aus ihrer Perspektive kommentieren Franziskaner jeden Freitag, was sie wahrnehmen.

Erfolg wird zur Lüge, wenn das Leben anderer zum Maßstab für das eigene wird. Heute reicht es nicht mehr aus, einfach nur zu existieren: Es scheint notwendig zu sein, jede eigene Erfahrung obsessiv mit den Erlebnissen anderer zu vergleichen. Leider lebt derjenige, der sich ständig mit anderen vergleicht, als Gefangener des Scheins und der Meinungen anderer.
Der Vergleich findet selten zwischen echten Leben statt. Er passiert zwischen sichtbaren Fragmenten: dem, was in sozialen Netzwerken gepostet wird, oder den falschen Erfolgsgeschichten, die wir oft von Kollegen, Verwandten oder Freunden hören. Nach und nach werden wir zu Gefangenen dessen, was andere denken könnten. Und am Ende leben wir das Leben, das andere von uns erwarten. Jeden Schritt, den wir machen, messen wir am Blick der anderen. Wir ziehen uns an, um hineinzupassen, wir reden, um zu gefallen, wir schweigen, um niemanden zu verärgern – ein Leben im Gefängnis der kollektiven Meinung, die niemals schweigt.
Die Folge ist schlimm. Das Gefühl von Mangel und Versagen wird ständig da sein. Es scheint immer etwas zu fehlen. Mehr Geld. Mehr Schönheit. Mehr Anerkennung. Mehr Reisen. Mehr Stabilität. Mehr Erfolg. Dann wird das Leben nicht mehr als persönliches Projekt erlebt, sondern als endloser „Wettbewerb“.
Soziale Netzwerke und die Offenlegung des Privatlebens im Internet verstärken dieses Phänomen, weil sie die Selbstdarstellung zur kulturellen Norm machen. Auf Facebook, TikTok oder YouTube wird fast alles retuschiert und verschönert. Selbst Spontanität ist meist kalkuliert. Das Problem ist nicht, dass Menschen ihre besten Momente zeigen. Das Problem ist, zu vergessen, dass es genau das sind: Momente, keine Gesamtheit unseres Daseins.
Angesichts dessen muss man sich daran erinnern, dass sich das menschliche Leben nicht angemessen von „außen“ oder anhand momentaner Trends messen lässt. Jedes Leben hat einzigartige Bedingungen. Unterschiedliche Verletzungen und Schwierigkeiten. Unterschiedliche Möglichkeiten. Unterschiedliche Zeiträume. Leben zu vergleichen, als wären sie gleichwertige Objekte, führt zu einer stillen Form der Ungerechtigkeit gegenüber sich selbst.
Wer sich ständig mit anderen vergleicht, verliert irgendwann die Fähigkeit, seinen eigenen Weg zu erkennen, und lebt als Gefangener der Meinung anderer. Und ein Leben, das sich selbst nicht erkennen kann, endet völlig leer – selbst wenn es voller Beiträge in den sozialen Netzwerken ist.
Reife beginnt, wenn man aufhört, sich zu fragen, ob man besser lebt als andere, und anfängt, sich zu fragen, ob man authentisch lebt.
Ein Kommentar von Bruder Pierre Guillén, München. Er ist Franziskaner aus Kolumbien und promoviert in Deutschland über die Werke des mittelalterlichen franziskanischen Philosophen Wilhelm von Ockham.
Der Blick zurück, der Blick nach vorn, und der Blick nach innen.
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