26.06.2026 Bruder Pierre Guillén

Reflexion statt Slogans

| Jetzt | Der Kommentar der Woche

Oft ist das, was uns beschäftigt und uns besorgt, auch die Quelle für das, was jetzt dran ist. Mit dem Blick auf die Welt aus ihrer Perspektive kommentieren Franziskaner jeden Freitag, was sie wahrnehmen.


Bruder Pierre Guillén

Die Meinungsfreiheit macht nicht jede Meinung automatisch akzeptabel und schon gar nicht gültig. Das Recht auf freie Meinungsäußerung zu verteidigen, ist eine demokratische und moralische Verpflichtung. Zu behaupten, dass jede Idee automatisch Respekt verdient, ist jedoch unzulässig und in vielen Fällen kontraproduktiv.

Es gibt kluge Meinungen und dumme Meinungen. Ehrliche und zynische. Manche versuchen, die Wirklichkeit zu verstehen, andere verzerren sie bewusst. Eine reife Gesellschaft muss die Freiheit des Wortes schützen, selbst wenn sie provoziert oder stört. Sie muss sich aber nicht jedem Einfall unterwerfen, nur weil er laut vorgetragen wird.

Heute gilt es oft schon als intolerant, eine Meinung kritisch zu hinterfragen. Das Gegenteil ist richtig. Eine offene Gesellschaft nährt sich aus der Debatte von Argumenten. Doch gerade die Fähigkeit, mit Argumenten zu diskutieren, geht immer mehr verloren. Die bloße Behauptung einer vagen Vorstellung ersetzt das begründete Argument. Gefühle verdrängen das Denken. Der Slogan ersetzt die Reflexion.

Das Problem ist nicht nur moralisch, sondern auch intellektuell. Wir erleben eine tiefe Krise des Argumentierens. Über alles wird sofort geurteilt, aber kaum noch etwas wird begründet. Vor allem soziale Netzwerke haben diese Entwicklung beschleunigt. Wir leben zwischen kurzen Botschaften, Sekundenvideos und spontanen Urteilen. Dieses Format eignet sich für Unterhaltung, Werbung und Memes. Nicht jedoch für ernsthaftes Denken.

Denken braucht Zeit. Lesen. Geduld. Ein Argument verlangt Präzision, Tiefe und die Bereitschaft zum Widerspruch. Die digitale Kultur belohnt jedoch das Gegenteil: Tempo, Vereinfachung und maximale Wirkung. So entsteht eine geistige Trägheit, die sich ihrer Oberflächlichkeit nicht einmal mehr schämt.

Wo die Fähigkeit zum Argumentieren verloren geht, verschwindet auch die Fähigkeit, zwischen einer fundierten Idee und bloßem Unsinn zu unterscheiden. Alles erscheint gleichermaßen gültig. Alles scheint denselben Wert zu besitzen. Die öffentliche Debatte endet schließlich als bloßes Hintergrundrauschen.

Nicht jede Meinung ist per se akzeptabel. Meinungen müssen einer Bewertung unterzogen werden. Respekt verdient vielmehr die Fähigkeit, eine Meinung vernünftig zu begründen. Genau dort beginnt ernsthaftes Denken. Und vielleicht auch die Chance auf eine weniger oberflächliche Gesellschaft.

Ein Kommentar von Bruder Pierre Guillén, München. Er ist Franziskaner aus Kolumbien und promoviert in Deutschland über die Werke des mittelalterlichen franziskanischen Philosophen Wilhelm von Ockham.


Der Blick zurück, der Blick nach vorn, und der Blick nach innen.
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