Oft ist das, was uns beschäftigt und uns besorgt, auch die Quelle für das, was jetzt dran ist. Mit dem Blick auf die Welt aus ihrer Perspektive kommentieren Franziskaner jeden Freitag, was sie wahrnehmen.

Am 1. November 1950 schockierte Papst Pius XII. viele Christen, als er die leibliche Aufnahme Mariens in den Himmel als Dogma verkündete. Nach einer Umfrage glaubten zwar die meisten Katholiken weltweit an diese Überzeugung. Aber die Frage war: Wie kann der Papst etwas verkünden, wovon uns die Bibel nichts sagt?
C.G. Jung, Sohn eines evangelischen Pfarrers und Begründer der analytischen Psychologie, hat diese amtliche Verkündigung für „das wichtigste religiöse Ereignis seit der Reformation“ gehalten. Man solle es nicht historisch, sondern psychologisch als archetypisches Bild deuten. Der Leib erhält eine göttliche Würde, und die Frau wird in den Bereich des Göttlichen erhoben. In Maria feiern wir, was für uns alle gilt.
Jedes Jahr feiert die Kirche dieses optimistische Fest Mariä Himmelfahrt am 15. August. Als Kind habe ich an diesem Tag Heilkräuter gesammelt, sie in der Kirche weihen lassen und dann im Ziegenstall aufgehängt. Maria ist auch ein Bild des ganzen Kosmos. In der Kräuterweihe kommt zum Ausdruck, dass Gott uns eine gute Schöpfung schenkt, die heilende Kräfte in sich birgt.
Der heilige Franziskus hat seinen Leib oft hart behandelt. Er hat viel gefastet und soll sich sogar Asche ins Essen gestreut haben. Er nennt seinen Leib „Bruder Esel“ – immerhin Bruder. Und am Ende seines Lebens entschuldigt er sich bei ihm für seine Behandlung.
Wir Franziskaner heute haben eine andere Einstellung zur Leiblichkeit gewonnen. Nein, wir machen keinen Körperkult mit, nehmen keine Anti-Aging-Cremes, konsumieren keine Doping-Pillen und unterziehen uns auch keinen Schönheitsoperationen. Aber der Leib ist der Gedächtnisspeicher für alle Erfahrungen. Alles, was wir erlebt haben, wird in Gott hinein gerettet.
Als erste hat Maria das erlebt. An ihrem Fest nehmen wir voraus, worauf wir hoffen. Alles wird eins sein: Leib und Seele, Gott und Mensch, Mann und Frau, Himmel und Erde.
Der Blick zurück, der Blick nach vorn, und der Blick nach innen.
Franziskaner kommentieren, was wichtig ist.
Immer freitags auf franziskaner.de.