17.08.2026 Bruder Stefan Federbusch

Abschied von Marienthal

Das kleine Assisi im Rheingau

 

„Gott liebt dich“, so die Zusage per entsprechend geschnittener Heckenpflanzen am Wallfahrtsort Marienthal. Dazu ein Tau-Kreuz, das franziskanische Segenszeichen. Seit 152 Jahren verkünden die Franziskaner diese Frohe Botschaft, über alle schwierigen Zeiten wie Kulturkampf, Ersten Weltkrieg, Zweiten Weltkrieg und eine zunehmende Säkularisation hinweg. Dafür galt es, ein „strahlendes Fest des Dankes“ zu feiern, wie es die Brüder im letzten „Marienboten“ wünschten. Am 15. August 2026 hieß es nun Abschied zu nehmen für die 7 Brüder vor Ort, aber auch für uns als Deutsche Franziskanerprovinz. Dazu wurde bewusst der Festtag Maria Himmelfahrt gewählt, da Marienthal mit dem Gnadenbild der Schmerzhaften Mutter seit über 500 Jahren ein Marienwallfahrtsort ist, der zunächst zum Bistum Mainz gehörte, ab 1827 zum neu gegründeten Bistum Limburg. Die Brüder erfüllten vor Ort eine doppelte Aufgabe: Sie betreuten zum einen die Wallfahrtspilger mit Liturgie und Beichtdienst, zum anderen empfingen sie Gäste zum Mitleben.

Der Himmel meinte es gut und so strahlte zu Maria Himmelfahrt die Sonne, um Hunderte von Menschen zu begrüßen, die zum vormittäglichen Festhochamt gekommen waren. Glück hatten die, die auf dem Wallfahrtsplatz noch die schattigen Plätze erwischten. Hauptzelebrant war Weihbischof Thomas Löhr, der für die Ordensgemeinschaften im Bistum Limburg zuständig ist. Hinzu kamen neben den Brüdern zahlreiche Geistliche, die sich Marienthal verbunden fühlen. Für die Ordensprovinz waren Provinzialminister Markus Fuhrmann und Provinzialvikar Stefan Federbusch aus München in den Rheingau gekommen. In der Prozession wurde das Gnadenbild aus der Kirche auf den Wallfahrtsplatz getragen. In seiner Predigt betonte Weihbischof Löhr die Menschenwürde, die heute zunehmend missachtet werde. „Wer kniet, kann anderen nicht vors Schienbein treten.“ In deiner Abschiedsansprache verwies er auf den Sonnengesang des hl. Franziskus. Im Tal von Marienthal finde sich sehr viel davon: Bruder Sonne, Schwester Wasser ebenso wie Mutter Erde. Durch die Wallfahrt habe die Vergebung einen großen Platz gehabt und der Friedhof künde von Bruder Tod. Auch gab er bekannt, wie mit der Wallfahrt weitergeht: Es werden ab November zwei Vinzentiner vom hl. Paul aus der indischen Provinz Kerala ins Bistum kommen, die bereits seit zwanzig Jahren in Berlin vertreten sind, und zunächst im Pfarrhaus in Eibingen wohnen. Von dort aus werden sie auch in der Pfarrseelsorge mitarbeiten. Die Übergangszeit wird von der Pfarrei Heilig Kreuz Rheingau und deren Pfarrern Marcus Fischer und Michael Pauly überbrückt. Derzeit konstituiert sich ein Förderverein, der das künftige Wallfahrtswesen in seiner Neuausrichtung unterstützen will.

 

 

Nach dem musikalisch vom Ensemble Elsterbach begleiteten Gottesdienst gab es die Möglichkeit zu einer Stärkung. Es waren so viele gekommen, dass die Suppe nicht ganz für alle reichte. Es folgte das Theaterstück „Für Maria kam die Zeit“ durch die Gruppe „Stella Maris“, die seit 26 Jahren in unterschiedlichen Konstellationen aus Freude am Theaterspiel verschiedene von P. Rainer geschriebene Stücke aufführt. Die eigentliche Verabschiedungsfeier begann um 15 h, musikalisch gestaltet vom Posaunenquintett „Trombonissimi“. Der Hausleiter, Guardian Paul Waldmüller, brachte seine Zeit in Marienthal so auf den Punkt: „Ich habe nichts im Griff“. Vieles geschah ohne große Vorplanung. Die Brüder waren offen für alle, die kamen und die Gott ihnen schickte. Sie boten den Raum, da sein zu dürfen.

 

 

Dies unterstrich auch der Bürgermeister von Geisenheim Christian Aßmann. Die Brüder hätten sich stets um die Menschen gekümmert. Ihnen sei der Dienst für Gott und für die Menschen gleichermaßen wichtig gewesen. Von daher treffe beides, Freude und Trauer, für diesen Tag zu. Er selbst erinnerte sich, wie sie als Kinder Steinchen im Schuh hatten, weil sie auf dem Wallfahrtsplatz im Gegensatz zur Kirche spielen dürften. Auch Dr. Franz-Rudolf Weinert, Domkapitular in Mainz, griff in seiner Laudatio auf früheste Kindheitserinnerungen zurück. Es sei Brauch gewesen, den Patres die Erstkommunionkerze zu übergeben, damit diese an der Marienfigur abbrennen konnte. Vor seiner Priesterweihe habe er eine Wallfahrt nach Marienthal gemacht, um bei Maria um Fürsprache zu bitten und komme seitdem regelmäßig. Er bezeichnete Marienthal als kleines Assisi: Hier wurde ganz selbstverständlich Gastfreundschaft geübt. Man brauchte kein Geld, um aufgenommen zu werden. Es brauche schlicht Menschen, durch die Gott handeln kann. Nach 170 Jahren gelte der Dank den Brüdern. „Vergelt´s Gott und pax et bonum!“

Weihbischof Thomas Löhr brachte es in seiner Würdigung mit Verweis auf die Leiterin der Pilgerstelle Melanie Schmitt so auf den Punkt: Menschen konnten Aufnahme finden ohne Bescheinigung und Berechtigungsnachweis. Es reichte aus, Mensch zu sein. Dies bestätigten im Gespräch viele von denen, die regelmäßig nach Marienthal kamen und auch jetzt noch einmal da waren, um sich wehmütigen Herzens zu verabschieden. Bedingt durch seine große Gastfreundschaft war der Konvent ein Anlaufpunkt auch für die Mühseligen und Beladenen, die Krisengeschüttelten und Suchenden, für Flüchtlinge und Kirchenasylanten.

 

Abschied von Marienthal, Fotos von Bruder Stefan Federbusch

Provinzialminister Markus Fuhrmann fragte aus Sicht der Provinz: „Woran hängt eigentlich unser Herz?“ Von Franziskus her sollen wir uns nichts aneignen, an nichts festhängen und mit leichtem Gepäck unterwegs sein. Seine vollkommene Freude ist das Bleiben in Christus. Seit der Vereinigung der vier deutschen Franziskanerprovinzen im Jahr 2017 habe die neue Deutsche Franziskanerprovinz 17 Häuser aufgeben müssen. Dieser Schrumpfungsprozess sei nicht schönzureden. Klein müsse aber nicht bedeutungslos heißen. Der Magdeburger Bischof Feige spricht von einer „schöpferischen Minderheit“. Es gelte, einen nüchternen Blick auf die Wirklichkeit zu werfen, denn „Gott umarmt uns durch die Wirklichkeit“; auf Gott zu vertrauen, dass es weitergeht und den Mut zu haben, neue Wege zu suchen. Abschied habe immer mit Wehmut zu tun, aber sei nicht ohne Hoffnung. Auftrag sei es nicht zu bewahren, was einmal wahr, sondern die Gaben einzusetzen, die Gott uns gegeben hat. Die Brüder hätten Marienthal zu einem Ort des Aufatmens, des Trostes und der Orientierung gemacht. Letztlich sind die Brüder Spuren, die auf Christus verweisen. Wie es im Marienboten heißt: „Nicht wir sind es, die den Ort besonders machen oder ihm gar die Gnade der Erhörung und der wunder geben und die Menschen hier Gott näher bringen. Nein, nicht wir. Sondern Gott ist es! Es ist Jesus, der diesem Ort seinen Heiligen Geist gibt, und es ist Maria, die uns Gott hier näher bringt.“ Das stimmt, doch wie sagte Domkapitular Weinert: Es brauche schlicht Menschen, durch die Gott handeln kann.

Danke an alle Brüder, die sich in 152 Jahren Präsenz in Marienthal in Dienst haben nehmen lassen und den Ort zu einem Anlaufpunkt für viele Menschen haben werden lassen, die sagen: „Hier bin ich Mensch, hier darf ich sein!“ Es war bezeichnend, dass unmittelbar nach dem Segen durch Weihbischof Löhr ein kleines Gewitter grummelte und der Himmel seinen Segen dazugab. Die Natur sagte Dank.


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