
Am 12. Juli 2026 fand der Abschiedsgottesdienst von uns Franziskanern in Vossenack statt. Die mehr als gut gefüllte Kirche verdeutlichte die Verbundenheit der Menschen der Eifeler Umgebung mit den Brüdern. Im Jahr 1967 kamen sie von Exaten und haben in Vossenack das Kloster, ein Internat und ein Gymnasium aufgebaut. Viele Schülergenerationen wurden durch die franziskanische Spiritualität und das Wirken der Brüder geprägt. Fast sechs Jahrzehnte seelsorgerisches, pädagogisches und künstlerisches Wirken gehen somit zu Ende. Die offizielle Schließung des Konventes in Vossenack erfolgt zum 31. August 2026.
Der derzeitige Hausleiter Athanasius Spies begrüßte die Gekommenen und verwies auf die widersprüchliche Gefühlslage angesichts des Abschiedsgeschehens: „Abschied hat immer etwas Ambivalentes. Dies umso mehr, wenn er nicht nur mit einem fröhlichen Fest verbunden ist, sondern die Folge eines schmerzhaften Geschehens ist, das den Namen „sexualisierte Gewalt“ und „Missbrauch“ trägt. Danke, dass Sie in dieser Stunde die Ambivalenz mit uns teilen.“
Auch Provinzialminister Markus Fuhrmann betonte in seiner Einführung, dass heute zwei Herzen in seiner Brust schlagen. „Ein dankbares und frohes Herz: Denn in den vergangenen rund 60 Jahren ist an diesem Ort so viel Gutes entstanden und gewachsen. Hunderte junger Menschen haben hier ihren Weg ins Leben gefunden.“ Und ein trauerndes Herz: „Denn einige Kinder und Jugendliche haben an diesem Ort Gewalt erfahren – sei es sexualisierte oder körperliche Gewalt oder auch geistlichen Missbrauch. Dass dies durch Angehörige des Franziskanerordens geschehen ist, beschämt mich und schmerzt. Ich möchte auch an dieser Stelle alle Betroffenen um Vergebung bitten für die entsetzlichen Taten. Und ich möchte sie um Vergebung bitten für das Versagen von Verantwortlichen – die nicht hingesehen, nicht zugehört oder nicht ausreichend gehandelt haben. Ich weiß, dass wir diese Vergebung nicht erwarten dürfen. Ich kann die Betroffenen nur darum bitten.“
Dass diese Ambivalenz weder relativiert noch weg erklärt, weder eingeordnet noch womöglich aufgehoben werden sollte, machte der Impuls nach dem Evangelium deutlich. Im Altarraum hing das Kunstwerk „Schmerzpunkt“ von Susanne Wegner. Sie hat es als Zeichen der Erinnerung zu sexualisierter Gewalt und Missbrauch geistlicher Autorität in der katholischen Kirche gestaltet. Es wurde beim Deutschen Katholikentag in Würzburg im Rahmen des Kunstwettbewerbs ausgewählt. Es macht das unbegreiflich Schreckliche des Missbrauchs sichtbar, indem es eine rot gesprühte Markierung über einem Umhänge-Kreuz darstellt. Es wurden dann Passagen aus der Rede des Betroffenen Kai Christian Moritz zitiert, die dieser während der Vernissage in Würzburg gehalten hat.
Zu den Fürbitten wurden 8 Kerzen entzündet für die 60 Jahre Präsenz, für allen Dank und alle hellen Momente, für allen Missbrauch und alle dunklen Momente, für die Flüchtlinge im ehemaligen Internat, für alle Lehrenden und Lernenden im Gymnasium, für alle Verantwortungsträger heute, für die Anliegen aller Anwesenden sowie für alle Verstorbenen.
Die verschiedenen Facetten der sechs Jahrzehnte franziskanischer Präsenz kamen auch in den Grußworten zum Ausdruck. Für das Bistum Aachen sprach dessen Ordensreferent Dr. Stefan Dückers, für die Kommune Stephan Cranen, parteiloser Bürgermeister der Gemeinde Hürtgenwald, sowie für die Franziskusstiftung deren Präsidentin Gisela Fleckenstein.
Ordensreferent Dr. Stefan Dückers erzählte von seinen persönlichen positiven Erfahrungen in der Schule und im Priesterseminar, während es andere gab, denen die Zeiten dort sehr schwergefallen seien.

„Das ist heute ein Wendepunkt“, erklärte Bürgermeister Stephan Cranen. „Die Franziskaner in Vossenack, das war immer ein Ort der Versöhnung, ein Zeichen für Hoffnung und Neuanfang, der unsere Gemeinde bis heute geprägt hat. Hürtgenwald ohne die Franziskaner ist eigentlich unvorstellbar.“ Cranen sprach von einer Schule, die immer „ein Motor für die Zukunft der Region“ gewesen sei, dem Internat, das zwischenzeitlich eine neue Heimat für zeitweise bis zu 60 Geflüchtete gewesen sei, und einem Ort von „Haltung, Verantwortung, Respekt und Fürsorge“. Er mahnte aber ebenso: „Wir müssen die Opfer ernst nehmen und alles dafür tun, dass jetzt Strukturen geschaffen werden, die schützen. Und wir dürfen nie vergessen, was hier vorgefallen ist. Der Missbrauchsskandal gehört künftig zur Geschichte von Vossenack.“
Gisela Fleckenstein betonte, dass sich die Franziskus-Stiftung dieser Aufgabe und der Zukunftsgestaltung stellt. Sie hat bereits seit 2019 durch die Übernahme der Immobilien inklusive der Trägerschaft für Internat und Gymnasium die Verantwortung vor Ort übernommen.
Pater Laurentius Englisch wird ins Betreute Wohnen des Geschwister-Louis-Hauses ziehen und zunächst weiter die Sonntagsgottesdienste in der Klosterkirche halten. Für Br. Winfrieds Abs wird der Konvent in Düsseldorf sein neuer Lebensort.
Im Anschluss an den Gottesdienst war Gelegenheit zu Begegnung und Austausch, bei der so manche Erinnerung und Erfahrung noch einmal ins Wort gebracht werden konnten.