23.09.2026 Peter Wollert

Das Geheimnis der Suppenküche der Franziskaner in Berlin

Insider-Bericht eines ehrenamtlichen Helfers

Eigentlich wollte ich helfen. Was ich nicht bedacht hatte: Man kann sich dabei auch selbst ein wenig kennenlernen. Angefangen hat alles ziemlich unspektakulär – mit GEMÜSE und SPÜLE: Gemüse entwickelte sich erstaunlich schnell zu einem roten Faden meiner Zeit in Berlin. Vielleicht Schicksal, vielleicht kulinarische Zwangsarbeit. Und an der Spüle begann ich zu verstehen, was diese Suppenküche eigentlich ausmacht. Nicht die Töpfe. Nicht die Bierzeltgarnituren. Nicht die Mengen an Brot, Gemüse und anderen Lebensmitteln. Es sind die MENSCHEN.

Da ist beispielsweise eine Frau, deren Leben nicht gerade auf der Sonnenseite begonnen und stattgefunden hat. Zeiten der Obdachlosigkeit liegen hinter ihr. Heute hilft sie ehrenamtlich – seit Jahren. Sie fragt nicht lange, was, wo und wie etwas gemacht werden muss. Sie macht. Das hat mich beeindruckt.

Nicht irgendwelche Arbeitspläne, sondern Menschen, Geschichten, Eigenheiten und manchmal ein Satz, der einem noch Stunden später im Kopf herumgeht. Auch die anderen Begegnungen gehören dazu: Menschen, die hier arbeiten, weil es ihre Aufgabe ist; Menschen, die über eine Arbeitsgelegenheit hier sind; Bundesfreiwilligendienstler; und vor allem die vielen Ehrenamtlichen, die ihre Zeit geben. Jeder mit seiner Geschichte. Jeder mit seinen Vorstellungen. Jeder mit seinem eigenen kleinen System, wie die Dinge funktionieren.

Peter Wollert aus Düsseldorf packt für drei Wochen ehrenamtlich mit an, in der Suppenküche der Franziskaner in Berlin-Pankow. Bild von Bernd Backhaus.

Und mittendrin ich – ein neuer Helfer, der zunächst herausfinden musste, wo er eigentlich hingehört. Ich habe Brot geschnitten. Sehr viel Brot. Etwa 400 Scheiben. Unfallfrei. Das darf man erwähnen. Später durfte ich den Frühstückstisch vorbereiten. Wurst, Käse, Lachs und alles, was dazugehört. Und plötzlich hieß es: „Heute sieht das irgendwie anders aus.“ Das war für mich ein schöner Moment. Denn vielleicht war ich da nicht mehr nur der Neue, der irgendwo mithilft. Vielleicht war ich angekommen, hatte mich eingebracht.

Was mich ebenfalls beeindruckt hat, ist der Aufwand hinter dem, was für den Gast später so selbstverständlich aussieht: Ein Teller steht vor ihm. Warm, ordentlich angerichtet und fertig. Was man nicht sieht, sind die vielen Schritte davor: Die Abholfahrten zu den Märkten. Die Kisten. Das Sortieren. Das Prüfen. Das Aussortieren. Das Verarbeiten. Das Weitergeben.

Einmal kamen wir mit 32 randvollen Kisten zurück. „Bescheidene Ausbeute“, meinte der Fahrer. Ich habe danach meinen Wortschatz neu überdacht. Was für einen Außenstehenden vielleicht wie ein paar Kisten Lebensmittel aussieht, bedeutet in Wirklichkeit Organisation, Fahrzeuge, Fahrer, Helfer, Lagerung, Kühlung, Zeit und jede Menge Arbeit. Und wenn etwas hier nicht gebraucht wird, ist die Geschichte noch lange nicht vorbei. Zwölf Kisten gingen weiter zur Berliner Tafel. So wandert vieles weiter. Dorthin, wo es gebraucht wird. Das hat mich nachdenklich gemacht. Denn wir leben in einer Welt, in der gleichzeitig Lebensmittel im Überfluss vorhanden sind und Menschen auf eine warme Mahlzeit angewiesen sind. Beides existiert nebeneinander. Hier bekommt man diesen Widerspruch nicht theoretisch erklärt. Man sieht ihn. Und man arbeitet mitten darin.

Besonders interessant ist dabei, dass die Suppenküche der Franziskaner trotz aller Organisation niemals wie eine Maschine funktioniert. Dafür sorgen schon die Menschen. Pläne ändern sich, Aufgaben wechseln. Ein Beifahrer fehlt – und aus GEMÜSE wird plötzlich BEIFAHRER. Jemand wird irgendwo gebraucht – und schon ist man „zur besonderen Verfügung“. ZBV. Das Kürzel kannte ich noch aus meiner Dienstzeit. Nur war ich damals nicht sicher, ob die Bedeutung wirklich dieselbe war. Hier jedenfalls lernt man schnell, dass Flexibilität keine theoretische Tugend ist. Sie ist Tagesgeschäft. Und wahrscheinlich funktioniert eine solche Einrichtung genau deshalb. Weil Menschen nicht ständig fragen: „Ist das eigentlich meine Aufgabe?“ Sondern: „Wo werde ich gerade gebraucht?“ Das ist vielleicht eine der wichtigsten Erfahrungen, die ich mitnehme.

Natürlich gibt es auch die kleinen, beinahe absurden Dinge. Zum Beispiel die Mengen an Brot und Brötchen, die am Wochenende übrig bleiben. So viel, dass irgendwann ein Pferdehof kommt und die Backwaren abholt. Ja, ein Pferdehof! Auch ein Brötchen bekommt also noch eine zweite Karriere. Ich finde das irgendwie schön. Vielleicht sollte man mit dem Wort „übrig“ überhaupt vorsichtiger umgehen. Bei Lebensmitteln bedeutet es nicht unbedingt wertlos. Und bei Menschen schon gar nicht.

Je länger ich hier bin, desto weniger interessiert mich inzwischen, was ich an welchem Tag gemacht habe. Viel interessanter ist, wen ich getroffen habe. Welche Geschichte mir jemand erzählt hat, welcher Satz hängen geblieben ist. Welcher Mensch mich zum Lachen gebracht hat und welcher mich vielleicht stiller gemacht hat. Denn die Suppenküche der Franziskaner ist für mich inzwischen weit mehr als ein Ort, an dem Essen ausgegeben wird. Sie ist ein Ort, an dem sehr unterschiedliche Menschen aufeinandertreffen. Menschen, die Hilfe brauchen, Menschen, die helfen, Menschen, die selbst einmal Hilfe gebraucht haben, Menschen, deren Leben gerade gut läuft und Menschen, deren Leben gerade alles andere als gut läuft. Für ein paar Stunden sitzen sie unter demselben Dach und manchmal genügt ein Teller Essen, ein Kaffee, ein freundliches Wort oder einfach jemand, der zuhört. Vielleicht ist genau das der eigentliche Wert dieser Einrichtung. Nicht nur satt zu machen. Sondern Menschen das Gefühl zu geben, nicht unsichtbar zu sein.

Und deshalb möchte ich auch etwas zurückgeben. Ich bin nach Berlin gekommen, um meine Zeit einzubringen und zu helfen. Ich hatte nicht erwartet, dass ich selbst so viel mitnehmen würde. Erfahrungen, Einblicke, Begegnungen, Humor, Nachdenkliches und einen etwas anderen Blick auf Menschen. Ich habe viele Ehrenamtliche erlebt, die einfach kommen und machen. Ohne großes Aufheben, ohne roten Teppich, ohne Pressekonferenz. Einfach machen. Und genau darin liegt für mich etwas sehr Beeindruckendes. Die Suppenküche der Franziskaner in Berlin-Pankow funktioniert nicht, weil ein Einzelner alles im Griff hat. Sie funktioniert, weil viele Menschen ihren Teil beitragen. Manche sichtbar, manche eher im Hintergrund. Manche schon seit Jahren. Andere nur für eine begrenzte Zeit. Und mittendrin darf ich selbst für einige Wochen dazugehören.

Dafür möchte ich danken! Nicht mit einem höflichen „Danke für die schöne Zeit“. Das wäre mir zu wenig. Ich möchte mich dafür bedanken, dass ich einen Einblick bekommen habe in eine Welt, die man als Außenstehender leicht übersieht. In die Arbeit hinter dem Teller, in die Menschen hinter den Aufgaben und in eine Gemeinschaft, die trotz aller kleinen Reibereien, Improvisationen und gelegentlicher SPÜLE erstaunlich gut funktioniert.

Meine letzte Woche hat begonnen. Und vielleicht ist jetzt genau der richtige Zeitpunkt, nicht mehr die Tage zu zählen. Denn aus einem Anfänglichen „Ich helfe hier ein bisschen“ ist längst etwas anderes geworden. Eine Erfahrung eine Begegnung mit Menschen und eine Geschichte, die ich vermutlich noch lange mit mir herumtragen werde. GEMÜSE werde ich dabei vielleicht irgendwann vergessen. Die MENSCHEN ganz sicher nicht.

Danke, dass ich ein kleiner Teil davon sein durfte.


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