30.10.2026 Bruder René Walke

… wie auch wir vergeben unsern Schuldigern

| Jetzt | Der Kommentar der Woche

Oft ist das, was uns beschäftigt und uns besorgt, auch die Quelle für das, was jetzt dran ist. Mit dem Blick auf die Welt aus ihrer Perspektive kommentieren Franziskaner jeden Freitag, was sie wahrnehmen.


Bruder René Walke

Seit Menschengedenken wird es Schulden gegeben haben – jemand, der mir etwas schuldet, jemand, dem ich etwas schulde. Innerhalb des Judentums entstand in der Tora die Regel, alle 50 Jahre Schulden zu erlassen, was sowohl bedeutete Land zurückzugeben als auch Schuldsklaverei zu beenden. Im Vater unser ist es eine zentrale Bitte.

Die Tora kann als Richtschnur für das Handeln verstanden werden. Hinzu kommt unsere menschliche Intuition, die nach langer Verschuldung so eingeengt sein kann, dass sie sich revolutionär des Schuldendrucks entledigen will. Es erscheint mir daher sowohl als Vorschrift für zukünftiges Handeln als auch als Nachschrift, die aus den Erfahrungen gelernt hat. Entschuldung ist für mich daher Voraussetzung für geschwisterliche Gemeinschaft.

Politisch gibt es seit den 90er Jahre die Kampagne „Erlassjahr“, die u.a. in Bezug auf die Tora einen Schuldenerlass für die ärmsten Länder fordert. Dabei wird insbesondere gefordert, sogenannte odios debts (dt. verabscheuungswürdige Schulden) zu erlassen. Dies sind Kredite, bei denen sowohl den Geberländern als auch dem Nehmerland bewusst war, dass die Gelder zur Unterdrückung der Bevölkerung und ohne deren Zustimmung verwendet wurden.

Persönlich darf ich gerade eine Sabbatzeit machen – ein Jahr, in dem ich aufgetürmte Schulden abbauen durfte und mich auf eine von Gott begleitete Zukunft vorbereite. Es gibt „verabscheuungswürdige Schulden“, die ich von den Generationen vor mir ererbt habe und auch die eigene Schuld, die nur Gott begleichen kann. Zu Beginn dieser Auszeit durfte ich deutlich spüren: „Was jetzt hilft, ist Zeit. Zeit um sich zu erinnern und dann die Schulden zu vergeben – den Schuldigern und sich selbst.“ Dies ist Teil eines Prozesses, der für mich mit dem neutestamentlichen „Wiedergeboren im Geist“ bezeichnet werden kann.

Als Franziskaner haben wir auf einem Kapitel vor einigen Jahren den Begriff „Reset“ (dt. Neubeginn) als eine Art Sehnsuchtsbegriff in unseren Dokumenten festgehalten. Um neu zu leben, persönlich, politisch und christlich, brauchen wir Neuausrichtung. Da diese organisch wächst, braucht sie und meines Erachtens unser Orden, unsere Kirchen, unsere Gesellschaften – wir Menschen alle – besonders eines: Zeit. Als Franziskaner wissen wir: Zeit ist nicht Geld. Die Herausforderung, darauf auch zu vertrauen und danach zu entscheiden und handeln, wird uns mutiger und freier machen.


Der Blick zurück, der Blick nach vorn, und der Blick nach innen.
Franziskaner kommentieren, was wichtig ist.
Immer freitags auf franziskaner.de


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