01.05.2026 Bruder Pierre Guillén

Ära der Einsamkeit

| Jetzt | Der Kommentar der Woche

Oft ist das, was uns beschäftigt und uns besorgt, auch die Quelle für das, was jetzt dran ist. Mit dem Blick auf die Welt aus ihrer Perspektive kommentieren Franziskaner jeden Freitag, was sie wahrnehmen.


Bruder Pierre Guillén

Wir leben in einem offensichtlichen Paradox: Noch nie konnten wir so leicht miteinander kommunizieren, und doch fühlen sich immer mehr Menschen einsam. Trotz permanenter digitaler Vernetzung wächst die Isolation – besonders bei jungen Menschen und Senioren. Studien zeigen, dass sich weltweit rund ein Viertel der Menschen stark einsam fühlt. Das Problem liegt nicht in der Menge, sondern in der Qualität unserer Beziehungen. Echte Gespräche werden durch schnelle Nachrichten ersetzt, Zuhören durch Reagieren, Begegnung durch Benachrichtigungen.

Soziale Netzwerke verstärken diese Entwicklung. Sie zeigen idealisierte Lebensentwürfe, fördern ständigen Vergleich und erzeugen das Gefühl, nicht dazuzugehören. Dadurch wächst die Distanz zum eigenen Leben und eine verzerrte Wahrnehmung der Realität entsteht. Viele haben Hunderte von Online-Kontakten, aber kaum tiefe Bindungen. Sichtbarkeit tritt an die Stelle von Intimität. Gleichzeitig verdrängt die intensive Nutzung digitaler Medien die Zeit für echte Begegnungen.

Ein zentraler Faktor ist der Algorithmus: Er zielt nicht auf echte Verbindung, sondern auf Aufmerksamkeit. Bevorzugt werden Inhalte, die emotional wirken und fesseln – nicht unbedingt solche, die wahr oder bedeutsam sind. So wird Interaktion zum Konsum und Verbindung zur Illusion.

Diese Entwicklung betrifft auch das spirituelle Leben. In der ständigen Reizüberflutung geht die Fähigkeit zur Stille verloren – und ohne Stille fehlt die innere Tiefe. Die Beziehung zu Gott braucht Aufmerksamkeit, Zeit und Sammlung, die immer seltener werden. Digitale Hilfsmittel können unterstützen, ersetzen aber keine persönliche, lebendige Beziehung.

Mit der KI entsteht eine neue Herausforderung. Sie kann Nähe simulieren, aber keine echte Gegenseitigkeit bieten. Für verletzliche Menschen besteht die Gefahr, dass sie zur Ersatzbeziehung wird und echte Begegnungen verdrängt, wodurch Einsamkeit weiter zunimmt.

Die Lösung liegt nicht in der Ablehnung von Technologie, sondern in ihrem richtigen Gebrauch. Entscheidend ist, den Wert von echter Präsenz wiederzuentdecken: Gespräche ohne Eile, gemeinsame Zeit ohne Ablenkung, aufmerksames Zuhören. Ebenso wichtig ist die Fähigkeit, zwischen bloßer Verbindung und echter Bindung zu unterscheiden. Letztlich wird Einsamkeit nicht durch mehr digitale Kontakte überwunden, sondern durch echte Begegnung.

Ein Kommentar von Bruder Pierre Guillén, München. Er ist Franziskaner aus Kolumbien und promoviert in Deutschland über die Werke des mittelalterlichen franziskanischen Philosophen Wilhelm von Ockham.


Der Blick zurück, der Blick nach vorn, und der Blick nach innen.
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Jeden Freitag auf franziskaner.de


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