24.07.2026 Bruder Helmut Schlegel

Ein Lob für die Empörung

| Jetzt | Der Kommentar der Woche

Oft ist das, was uns beschäftigt und uns besorgt, auch die Quelle für das, was jetzt dran ist. Mit dem Blick auf die Welt aus ihrer Perspektive kommentieren Franziskaner jeden Freitag, was sie wahrnehmen.


Bruder Helmut Schlegel

Wer schon am frühen Morgen einen Adrenalinschub braucht, um Geist und Sinne auf die richtige Drehzahl zu bringen, braucht nur ins Netz schauen und Kommentare lesen. Es wimmelt nur so vor Empörung.

Vorweg gesagt: Ich bin froh, in einem Land zu leben, in dem jede und jeder sich empören darf. Wer da laut schreit, es gäbe hier keine Meinungsfreiheit, würde schnell verstummen, wenn es denn so wäre. Unser Grundgesetz garantiert jedem „das Recht, seine Meinung in Wort, Schrift und Bild frei zu äußern“ (Grundgesetz Art. 5).

Wir dürfen uns also nach Herzenslust empören – über die Schiedsrichter bei der Fußball-WM, über Nachbars Rasenmäher oder – wie gerade geschehen – über einen hochrangigen Politiker, der zu seinem Nutzen eigenmächtig Gesetze umgeht. Wie gut: Der Mann hat seinen Rücktritt erklärt, nicht aufgrund besserer Einsicht, sondern weil ihn die Empörungswelle gezwungen hat.

Beim näheren Hinsehen wird mir klar: „Empörung“ kommt vom Wort „empor“ – (nach oben, aufwärts, hinauf, hoch, in die Höhe). Empörung, recht verstanden, ist also ein schweißtreibender Weg nach oben. Da genügt es nicht, nur Contra, also gegen etwas zu sein. Es braucht auch das Pro.

Also: Empörung gegen die Wegwerfmentalität und für nachhaltige Ressourcenverwertung. Empörung gegen das Festhalten an der Atom- und Fossilenergie und für eine zukunftsorientierte Klimapolitik. Empörung gegen eine unmenschliche Abschiebepraxis und für die Zusammenführung der Migrantenkinder mit ihren Eltern. Empörung gegen den Abbau des Sozialstaats und für eine Politik, die den Geringverdienenden, den Alleinerziehenden und alten Menschen gerecht wird. – Wir haben viele Mittel der „Empor-Empörung“. Nicht zuletzt den Stimmzettel.


Der Blick zurück, der Blick nach vorn, und der Blick nach innen.
Franziskaner kommentieren, was wichtig ist.
Immer freitags auf franziskaner.de.


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