10.07.2026 Bruder Franz Richardt

Das Böse in der Gestalt des Lichts

| Jetzt | Der Kommentar der Woche

Oft ist das, was uns beschäftigt und uns besorgt, auch die Quelle für das, was jetzt dran ist. Mit dem Blick auf die Welt aus ihrer Perspektive kommentieren Franziskaner jeden Freitag, was sie wahrnehmen.


Bruder Franz Richardt

Bosheit tritt selten direkt auf. Sie ummantelt sich mit hehren Zielen. Im Märchen „Der böse Wolf und die sieben Geißlein“ muss der Wolf Kreide fressen, um seine Stimme weich zu machen, um sich einschmeicheln zu können, um harmlos zu erscheinen – um dann die Geißlein zu fressen.

Ein Amokläufer erschoss 2018 in einem der bislang tödlichsten Schulmassaker in den USA 17 Schüler und 4 Lehrer. Er ummantelt seine Tat mit der Vergewisserung: „Mit der Macht meines Gewehrs werden alle wissen, wer ich bin!“ Streben nach Bekanntheit und Ruhm.

Despoten müssen das Verderben, das sie bringen, als notwendige und verdienstvolle Tat erklären, z.B. das eigene Land vor dem verderblichen Einfluss westlicher Werte zu schützen oder das Nachbarland vom vermeintlichen Nazitum zu befreien.

Das Böse begegnet einem oft in einer Verkleidung. Das Kunststück des „Verbrechers“ ist es, die Lüge glaubhaft zu machen, dass am Ende alle Schuld nicht beim Täter, sondern beim Opfer liegt.

Dietrich Bonhoeffer schreibt: „Dass das Böse in der Gestalt des Lichts, der Wohltat, des geschichtlich Notwendigen, des sozial Gerechten erscheint, ist für den aus unserer ethischen Begriffswelt Kommenden verwirrend; für den Christen, der aus der Bibel lebt, ist es gerade die Bestätigung der abgründigen Bosheit des Bösen.“

Angesichts all der Abgründigkeit und Macht des Bösen mag man sich als Mensch hilflos und ratlos erleben. Es ist nicht gut, in Hilflosigkeit zu versinken. Nicht umsonst nehmen wir im Vaterunser Zuflucht zu Gott, wenn wir beten: „Erlöse uns von dem Bösen!“ Ein erster Schritt wäre vielleicht auch die Bitte „Entlarve uns das Böse“!


Der Blick zurück, der Blick nach vorn und der Blick nach innen.
Franziskaner kommentieren, was wichtig ist.
Immer freitags auf franziskaner.de.


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