Oft ist das, was uns beschäftigt und uns besorgt, auch die Quelle für das, was jetzt dran ist. Mit dem Blick auf die Welt aus ihrer Perspektive kommentieren Franziskaner jeden Freitag, was sie wahrnehmen.

Vor kurzem veröffentlichte die Zeit einen Artikel mit der Überschrift: „Deutschland: Wir jammern uns an die Spitze – Die Deutschen sind Meister geworden, das Land schlechtzureden.“ Es geht auch darum, dass so ein Jammern geschichtlich betrachtet auch schon für Aufschwung gesorgt hat.
Doch es lohnt sich, nochmals mit der sprachlich-theologischen Brille auf die Zeilen zu schauen: Meister darin, etwas schlechtzureden. Das ist die wörtliche Übersetzung vom Lateinischen „maledicere“ = fluchen. Wir sind Fluch-Weltmeister – olé, olé!
Das Gegenteil heißt „benedicere“ = segnen. Sind wir Deutschen also schlecht im Gutes sagen? Wenn ich Nachrichten sehe und politische Diskussionen, wird sehr viel schlecht geredet – in der Regel die anderen. Kein gutes Haar wird gelassen – komplett abgeschrieben.
Kürzlich sagte uns bei einer Diskussion eine Politikerin: „Vertrauen ist die Summe der gehaltenen Versprechen.“ Und ich dachte sofort: Wenn dem so wäre, gäbe es kein Vertrauen mehr von mir. Der Politikerin gegenüber nicht, meinem besten Freund gegenüber nicht und mir selbst gegenüber ebenfalls nicht.
Mein Vertrauen beruht darauf, wie ich damit umgehe, wenn ich merke, dass ich mein Versprechen nicht gehalten habe. Mit neuem Anlauf werde ich es wieder versuchen, immer wieder, und es wird mir gelingen. Mein Versprechen an mich selbst, irgendetwas nicht mehr zu tun oder genau andersherum. Mein Versprechen an den andern: Ich denke an dich, ich melde mich, ich liebe dich. Mein Versprechen an Gott, ihn zu lieben und mich von ihm erlösen zu lassen.
Ich habe Vertrauen in uns Menschen, in uns Deutsche und in mich selbst: Wir können nicht nur fluchen, sondern auch wunderbar segnen! Ich habe schöne Worte selbst für Menschen, deren Verhalten ich verurteile. Ich habe umarmende Worte für jemanden, der weint. Ich habe für mich selbst aufbauende Worte, wenn etwas nicht auf Anhieb klappt.
Ich habe meinen Mut zusammengenommen und der Politikerin kurz meine Sicht erzählt. Ich glaube, sie fand diese Sicht auch gut. Meine Mutter würde sagen: „Kannst von dem Dümmsten noch was lernen.“
Wenn Sie mich gefragt hätte, was sie nicht brauchte, wozu diese Haltung nütze, hätte ich vielleicht gesagt: Weil sie dann eine gute Politikerin bleibt, nicht unbedingt die erfolgreichste, oder vielleicht doch?
Ich kann mich entscheiden – für den Segen oder für den Fluch: fürs gute Wort oder fürs schlechte.
Der Blick zurück, der Blick nach vorn, und der Blick nach innen.
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