Franziskanische Zeitschrift für das Heilige Land 80. Jahrgang 2026 / Heft 1
Die erste Ausgabe unserer Zeitschrift in diesem Jahr erscheint kurz vor Ostern und soll besonders den Ort Betanien am Ölberg in den Focus nehmen. In Betanien sind mehrere Begebenheiten aus dem Leben Jesu verortet und diese Evangelien sind eine gute Hinführung zum Osterfest. Uns bestens bekannt ist der Besuch Jesu bei Marta und Maria; eine Karmelschwester sagt dazu: Für mich ist Betanien der Ort, wo man Jesus die größte Liebe erweisen kann. IHN zu salben, zu Seinen Füssen zu knien und Ihm zuzuhören. Es ist das liebende Schweigen, das keiner Worte mehr bedarf. (vgl. Seite 17) In diesen Worten klingt auch die Salbung Jesu in Betanien an; seit wenigen Jahren werden für die Salbung des „Körpers Christi“ auf dem Salbungsstein der Grabeskirche an jedem KarfreitagAbend die Öle und Spezereien in Betanien geweiht, davon berichten wir in einem Artikel über die Pilgergänge der Franziskaner. Von der Arbeit der Franziskanerkustodie gemeinsam mit der Organisation „Pro Terra Sancta“ zum Wohle der einheimischen Bevölkerung soll berichtet werden, wie auch von den Schwierigkeiten der dortigen Mitbrüder während der Corona-Pandemie und dem Gaza- Krieg. Sehr verehrte Leserinnen und Leser, liebe Freunde des Heiligen Landes! Das bekannteste Evangelium in Bezug auf Betanien ist zweifellos die Erweckung des Lazarus. Es lohnt sich, dieses „Osterevangelium“ in Ruhe zu lesen und zu meditieren: man könnte meinen, dass uns Jesus damit auf seine Passion und Auferstehung vorbereiten will. Lazarus wird als Freund des „Propheten Jesus“ auch im Islam verehrt, daher zwängt sich zwischen der Lateinischen Kirche und dem Grab des Lazarus eine Moschee ein, die auch seinen Namen trägt. In unserer Reihe zu den „Biblischen Gestalten“ kommen wir zu Josua und auch zu Gideon, einer uns wenig bekannten Figur des Alten Testamentes. Es ist kein Frieden im Heiligen Land eingekehrt, noch immer verlieren unschuldige Menschen ihr Leben. Unsere Buchempfehlung thematisiert „Gaza“, doch in deutschen Medien wenig beachtet ist die zunehmende Annexion des Westjordanlandes seitens der israelischen Regierung. Diesem Thema werden wir uns in der nächsten Ausgabe der Zeitschrift widmen. Im Namen der deutschsprachigen Kommissare des Heiligen Landes darf ich Ihnen ein gesegnetes Osterfest wünschen, Ihr
Inhalt Betanien Heinrich Fürst OFM/Gregor Geiger OFM Die Pilgergänge der Franziskaner nach Betanien Petrus Schüler OFM Betanien in Zeiten von Corona und Krieg Marie-Armelle Beaulieu „Pro Terra Sancta“ – ein Besuch in Betanien Cécile Lemoine Von Vilsbiburg nach Betanien – wenn eine Orgel „verreist“ Petrus Schüler OFM Biblische Gestalten Josua und die Richter Sigfried Grän OFM Die Matthias-Kapelle in Kobern-Gondorf und die Kreuzeskapelle in Drüggelte Petrus Schüler OFM Buchempfehlung Betlehem, der verlorene Klang des Mittelalters Giuseppe Caffulli Palmsonntag abseits der großen Prozession Titelbild: Zeremonie des Karfreitags-Abend auf Golgota © MAB/CTS Rückseite: Christus bei Maria und Marta, Bild von Nathanael Theuma, Franziskanerkloster Rabat (Malta) Alle Fotos in der Zeitschrift (wenn nicht anders angegeben) © Petrus Schüler Seite 4 Seite 10 Seite 15 Seite 12 Seite 18 Seite 17 Seite 29 Seite 33 1/2026 3 Seite 34 Seite 37
4 1/2026 er alte Name von Betanien kann als Bet Hananja verstanden werden, d. h. Haus eines nicht näher bekannten Hananias. Arabisch heißt der Ort heute al-Ezaríje, was dem schon von Aetheria bezeugten Lazarium entspricht und das Lazarusgrab als die Hauptsache herausstellt. Heute ist Betanien weit herausgewachsen. Die Hauptstraße ist gesäumt von Läden und Werkstätten; trotz israelischer Warnschilder lassen es sich auch manche Israelis nicht nehmen, hier billiger einzukaufen oder ihre Autos reparieren zu lassen. Nach ca. 4 km liegt in einer Linkskurve rechts ein Busparkplatz, dahinter sieht man in einer Grünanlage die moderne Lazaruskirche. Kurz zuvor liegt an der linken Straßenseite eine neue griechisch-orthodoxe Kirche, hinter der sich ein kleineres, 1881 erbautes Kirchlein versteckt; leider ist das Grundstück meistens verschlossen. Hier wird die erste Begegnung Jesu mit Marta vor der Auferweckung des Lazarus lokalisiert (Joh 11,20–27). Tatsächlich kennt bereits die Pilgerin Aetheria (381–384) den Brauch, in einer Kirche an der Straße, „500 Schritt von Betanien“, eine Art Statio zu begehen, der dann am Lazarium die eigentliche Feier folgte. Im Lukasevangelium ist zunächst von den Schwestern Marta und Maria die Rede, die in Betanien wohnten und in deren gastfreundlichem Haus Jesus einkehrte: Als sie weiterzogen, kam er in ein Dorf. Eine Frau namens Marta nahm ihn gastlich auf. Sie hatte eine Schwester, die Maria hieß. Maria setzte sich dem Herrn zu Füßen und hörte seinen Worten zu. Marta aber war ganz davon in Anspruch genomD Ansicht des Heiligtums von der Höhe des Ölbergs aus: rechts die Ruine des Turms der Melisende, mittig die griech.-Orthodoxe Kirche, weiter links das Gelände der Moschee und davon links mit grauer Kuppel die lateinische Kirche © MAB/CTS Betanien Heinrich Fürst OFM/Gregor Geiger OFM
1/2026 5 Betanien Betanien men zu dienen. Sie kam zu ihm und sagte: Herr, kümmert es dich nicht, dass meine Schwester die Arbeit mir allein überlässt? Sag ihr doch, sie soll mir helfen! Der Herr antwortete: Marta, Marta, du machst dir viele Sorgen und Mühen. Aber nur eines ist notwendig. Maria hat den guten Teil gewählt, der wird ihr nicht genommen werden (Lk 10,38-42). Im Johannesevangelium hören wir zudem von Lazarus, dem Bruder der beiden Schwestern, wie er erkrankte, starb und von Jesus auferweckt wurde: Ein Mann war krank, Lazarus aus Betanien, dem Dorf der Maria und ihrer Schwester Marta. Maria war jene, die den Herrn mit Öl gesalbt und seine Füße mit ihrem Haar abgetrocknet hatte; deren Bruder Lazarus war krank. Daher sandten die Schwestern Jesus die Nachricht: Herr, sieh: Der, den du liebst, er ist krank. Als Jesus das hörte, sagte er: Diese Krankheit führt nicht zum Tod, sondern dient der Verherrlichung Gottes: Durch sie soll der Sohn Gottes verherrlicht werden. Jesus liebte aber Marta, ihre Schwester und Lazarus. Als er hörte, dass Lazarus krank war, blieb er noch zwei Tage an dem Ort, wo er sich aufhielt … Als Jesus ankam, fand er Lazarus schon vier Tage im Grab liegen. Betanien war nahe bei Jerusalem, etwa fünfzehn Stadien entfernt. Viele Juden waren zu Marta und Maria gekommen, um sie wegen ihres Bruders zu trösten. Als Marta hörte, dass Jesus komme, ging sie ihm entgegen, Maria aber blieb im Haus sitzen. Marta sagte zu Jesus: Herr, wärst du hier gewesen, Maria und Marta, Mosaik in der Augusta-Victoria-Kirche auf dem Ölberg
6 1/2026 IM LAND DES HERRN dann wäre mein Bruder nicht gestorben. Aber auch jetzt weiß ich: Alles, worum du Gott bittest, wird Gott dir geben. Jesus sagte zu ihr: Dein Bruder wird auferstehen. Marta sagte zu ihm: Ich weiß, dass er auferstehen wird bei der Auferstehung am Jüngsten Tag. Jesus sagte zu ihr: Ich bin die Auferstehung und das Leben. Wer an mich glaubt, wird leben, auch wenn er stirbt, und jeder, der lebt und an mich glaubt, wird auf ewig nicht sterben. Glaubst du das? Marta sagte zu ihm: Ja, Herr, ich glaube, dass du der Christus bist, der Sohn Gottes, der in die Welt kommen soll. Nach diesen Worten ging sie weg, rief heimlich ihre Schwester Maria und sagte zu ihr: Der Meister ist da und lässt dich rufen. Als Maria das hörte, stand sie sofort auf und ging zu ihm. Denn Jesus war noch nicht in das Dorf gekommen; er war noch dort, wo ihn Marta getroffen hatte. Die Juden, die bei Maria im Haus waren und sie trösteten, sahen, dass sie plötzlich aufstand und hinausging. Da folgten sie ihr, weil sie meinten, sie gehe zum Grab, um dort zu weinen. Als Maria dorthin kam, wo Jesus war, und ihn sah, fiel sie ihm zu Füßen und sagte zu ihm: Herr, wärst du hier gewesen, dann wäre mein Bruder nicht gestorben. Als Jesus sah, wie sie weinte und wie auch die Juden weinten, die mit ihr gekommen waren, war er im Innersten erregt und erschüttert. Er sagte: Wo habt ihr ihn bestattet? Sie sagten ihm: Herr, komm und sieh! Da weinte Jesus. Die Juden sagten: Seht, wie lieb er ihn hatte! Einige aber sagten: Wenn er dem Blinden die Augen geöffnet hat, hätte er dann nicht auch verhindern können, dass dieser hier starb? Da wurde Jesus wiederum innerlich erregt und er ging zum Grab. Es war eine Höhle, die mit einem Stein verschlossen war. Jesus sagte: Nehmt den Stein weg! Marta, die Schwester des Verstorbenen, sagte zu ihm: Herr, er riecht aber schon, denn es ist bereits der vierte Tag. Jesus sagte zu ihr: Habe ich dir nicht gesagt: Wenn du glaubst, wirst du die Herrlichkeit Gottes sehen? Da nahmen sie den Stein weg. Jesus aber erhob seine Augen und sprach: Vater, ich danke dir, dass du mich erhört hast. Ich wusste, dass du mich immer erhörst; aber wegen der Menge, die um mich herumsteht, habe ich es gesagt, damit sie glauben, dass du mich gesandt hast. Nachdem er dies gesagt hatte, rief er mit lauter Stimme: Lazarus, komm heraus! Da kam der Verstorbene heraus; seine Füße und Hände waren mit Binden umwickelt und sein Gesicht war mit einem Schweißtuch verhüllt. Jesus sagte zu ihnen: Löst ihm die Binden und lasst ihn weggehen! Viele der Juden, die zu Maria gekommen waren und gesehen hatten, was Jesus getan hatte, kamen zum Glauben an ihn (Joh 11,1–6.17–45). Lazarus vor Christus, Relief St. Paul, Valletta auf Malta
1/2026 7 Im Anschluss daran erzählt Johannes noch eine dritte Geschichte von den drei Geschwistern, die auf Jesu eigenen nahen Tod vorausweist: Sechs Tage vor dem Paschafest kam Jesus nach Betanien, wo Lazarus war, den er von den Toten auferweckt hatte. Dort bereiteten sie ihm ein Mahl; Marta bediente und Lazarus war unter denen, die mit Jesus bei Tisch waren. Da nahm Maria ein Pfund echtes, kostbares Nardenöl, salbte Jesus die Füße und trocknete sie mit ihren Haaren. Das Haus wurde vom Duft des Öls erfüllt. Doch einer von seinen Jüngern, Judas Iskariot, der ihn später auslieferte, sagte: Warum hat man dieses Öl nicht für dreihundert Denare verkauft und den Erlös den Armen gegeben? Das sagte er aber nicht, weil er ein Herz für die Armen gehabt hätte, sondern weil er ein Dieb war; er hatte nämlich die Kasse und veruntreute die Einkünfte. Jesus jedoch sagte: Lass sie, damit sie es für den Tag meines Begräbnisses aufbewahrt! Die Armen habt ihr immer bei euch, mich aber habt ihr nicht immer (Joh 12,1–8). In der Parallelüberlieferung dieser Erzählung bei den Evangelisten Markus und Matthäus findet sich dafür noch eine genauere Angabe: „Als Jesus in Betanien im Haus Simons des Aussätzigen zu Tisch war“ (Mk 14,3; ähnlich Mt 26,6). Die Verehrung des Ortes in der Antike ist bestens bezeugt. Schon der Pilger von Bordeaux (333 n. Chr.) erwähnt die „Krypta, wo Lazarus bestattet war, den der Herr auferweckte“, und die aufmerksame Aetheria beschreibt die liturgischen Feiern am Lazarium. Zu der auch von Hieronymus bezeugten ersten Kirche gehören die wenigen, aber vorzüglich gearbeiteten Mosaikreste im Hof vor der heutigen lateinischen Lazaruskirche; ihre Apsis (teilweise sichtbar gemacht) lag vor dem Eingang der heutigen Kirche. Der Kirche des 4. Jh.s folgte (nach einem Erdbeben?) um 500 eine zweite Kirche. Deren Apsis war 13 m nach Osten verschoben und entspricht dem Presbyterium der heutigen Kirche; sie bot somit mehr Raum. Zu ihr gehören einige der Mauern, welche den Vorhof der heutigen Kirche umrahmen, sowie die zwei Pfeilersockel im Hof. Diese Kirche überstand die arabische Eroberung; Bischof Arkulf kennt dort um 680 Salbung in Betanien, Kirche Sießen i.W. Übersichtsplan Schwarz Lateinische Kirche der Franziskaner Rot Byzantinische Kirche Gelb Grab des Lazarus Grün Natürlicher Stein Dunkelblau Aktueller Eingang zum Grab © MAB/CTS Betanien Betanien
IM LAND DES HERRN 8 1/2026 sogar „ein großes Kloster und eine große Basilika“. Die mittelalterliche Kirche entsprach weitgehend der byzantinischen. Melisenda, die Gemahlin des Königs Fulk von Jerusalem (1131–1143) und später selbst Regentin für ihren minderjährigen Sohn Balduin III., erwarb 1138 Betanien und stiftete dort mit königlicher Gebefreudigkeit ein Benediktinerinnenkloster, in das ihre jüngere Schwester eintrat, die dort Äbtissin wurde. Das Kloster war in Terrassen an den Hang gebaut und hatte zwei Schutztürme für den Notfall, einen unten im Grundstück der Franziskaner (oberhalb des Eingangs), den anderen weiter oben, oberhalb der griechisch-orthodoxen Kirche. Reste des Klosters sind vor allem südwestlich der modernen Kirche zu sehen (im Vorhof hinten rechts). Dort sind heute mehrere Kapellen für Pilgergruppen eingerichtet, einige ausgestellte landwirtschaftliche Geräte sind eine Erinnerung an das früher bäuerlich geprägte Dorf. Die heutige Lazaruskirche wurde unter Leitung des Architekten A. Barluzzi in den Jahren 1952– 54 erbaut, nachdem das Gelände von den Franziskanern schon im 19. Jh. angekauft und nach dem Zweiten Weltkrieg gründlich erforscht worden war. Die neue Kirche hält sich an die Breite der zweiten byzantinischen Kirche, ist aber kürzer und lässt so Raum für einen schönen Vorhof. Die Form eines griechischen Kreuzes (mit gleichlangen Kreuzarmen), aber ganz ohne Fenster, ahmt ein Grabmonument nach. Nur durch die gläserne Kuppel kommt von oben Licht in die Kirche, ein architektonischer Hinweis auf die Auferstehung, sowohl die des Lazarus als auch die von Jesus, auf die er hier hinwies: „Ich bin die Auferstehung und das Leben“ (Joh 11,25; siehe das Mosaik über dem Hauptaltar). Die Mosaike in den Kreuzarmen stammen vom italienischen Künstler Cesare Vagarini. In ihnen finden die drei Evangelienabschnitte, die Betanien betreffen, ihre Darstellung. Um in das Lazarusgrab zu kommen, verlässt man das Grundstück der Franziskaner durch den oberen Eingang und wendet sich nach links Inneres der Lazaruskirche Landwirtschaftliche Geräte in den Klosterräumen
1/2026 9 oben. Das Felsengrab war im Mittelalter Teil einer heute als Moschee genutzten zweiten Kirche. Der ursprüngliche direkte Zugang von der Kirche aus wurde vermauert, stattdessen erreichten die Franziskaner 1613, eine steile Treppe mit 24 Stufen von der Straße aus anlegen zu dürfen, um ins Grab zu kommen, ohne die Moschee betreten zu müssen. Das Grab selbst wurde mehrfach umgestaltet. Es besteht aus einem Vorraum mit einem mittelalterlichen Spitzbogengewölbe und der Grabkammer, in welcher aber die Loculi, die Plätze für die Verstorbenen, vermauert sind. Gegenüber dem Lazarusgrab hat man weitere Gräber gefunden. Oberhalb des Lazarusgrabes befindet sich die neue griechisch-orthodoxe Lazaruskirche (1965), die aus Ober- und Unterkirche besteht. Daneben liegt die Ruine einer der Wehrtürme, die die Königin Melisenda zur Sicherheit der Nonnen anlegen ließ. Archäologische Sondierungen ergaben, dass das Dorf Betanien ursprünglich oberhalb des Lazarusgrabes lag. Ein jüdisches Grab konnte ja nicht innerhalb eines Ortes liegen. links der Eingang, rechts das eigentliche Grab © MAB/CTS Eingang zum Grab in früheren Zeiten ©Library of Congress Prints and Photographs Division Washington, D.C. 20 540 USA Betanien Betanien
10 1/2026 etanien ist eine der „kleineren“ Heiligen Stätten, zu denen die Franziskaner der Kustodie mit Gläubigen am häufigsten pilgern: dreimal im Jahr, zum ersten Mal während der Fastenzeit, in der vierten Fastenwoche: Da gedenken die Brüder der Auferweckung des Lazarus (Joh 11, 1–46). Schon am Vortag werden im Hauptkloster St. Salvator große Kisten gepackt mit den notwendigen Utensilien für die Feier der Heiligen Messe in der Grabeskrypta des Lazarus. Der zuständige (arabische) Mitbruder nimmt den Kontakt auf mit den moslemischen Hütern der Krypta und überreicht auch gleich ein „Bakschisch“, eine Geldsumme mit der der Eintritt abgegolten wird. Zugleich wird damit gesichert, dass am Morgen des nächsten Tages alles bereit ist, denn die Heiligen Messen beginnen spätestens um 6.00 Uhr. Der Hauptgottesdienst findet dann später in der Kirche mit den (wenigen) lokalen Gläubigen und Pilgern aus Jerusalem statt. Wie immer bei den Pilgergängen wird nach dem feierlichen Gottesdienst und einem Gebet am Grab des Lazarus eine Agape angeboten: alle Gläubigen sind eingeladen, die „betanische Gastfreundschaft“ zu genießen. Auf dem Hof vor der Kirche, im Konvent in allen Gängen und im Garten findet man sich zwanglos mit den Franziskanern zusammen. Diese „Brotzeiten“ geben im Heiligen Land ein starkes Gefühl der Zusammengehörigkeit. Wenn auch Betanien am Ölberg liegt und ein Spaziergang schnell nach Betfage und dann hinunter nach Getsemani führen könnte, so ist das durch die israelische Trennungsmauer unmöglich geworden; man besteigt wieder Bus oder Auto, um den Umweg von ca. 20 km nach Jerusalem zu machen. Dieser Pilgergang ist eine wichtige Vorbereitung für das Osterfest. Am Montag der Karwoche Das ist ein neuer Brauch, der von zahlreichen Gläubigen mit großem Enthusiasmus aufgenommen wird. Nach der großen Prozession am Palmsonntag wird an diesem Tag der Salbung von Jesus durch Maria gedacht. „Auf der ganzen Welt, wo dieses Evangelium verkündet wird, wird man auch erzählen, was sie getan hat, zu ihrem Gedächt- Feier der Heiligen Messe vor dem Grab des Lazarus B Die Pilgergänge der Franziskaner nach Betanien Petrus Schüler
1/2026 11 nis“ (Mt 26,13). Dabei werden die Spezereien und Öle geweiht, die am Abend des Karfreitags in der Grabeskirche verwendet werden: bei der großen abendlichen Prozession wird ein an den Armen beweglicher Korpus von Golgota zum Salbungsstein heruntergebracht und auf dem Salbungsstein vom Kustos des Heiligen Landes gesalbt. Es ist eine sehr bewegende Liturgie, wenn auf Golgota die Dornenkrone vom Haupt Jesu genommen und den Gläubigen gezeigt wird. Wenn dann mit einem Hammer die Nägel vom Korpus geschlagen werden, fließen bei den Gläubigen Tränen und Seufzer sind in der übervollen Kirche zu hören. Ist dann dieser „Leichnam Jesu“ gesalbt, wird er ins Grab gelegt. Am Ende der Feier treten drei Diakone mit kostbaren von der spanischen Krone gestifteten Gewändern aus der Sakristei und verteilen diese Spezereien und Öle auf die Hände der Gläubigen. Ein Ritus, der sich tief einprägt: gerade der Geruch der Myrrhe hält sich länger als ein Parfüm. Am Abend nach diesem Gottesdienst in Betanien sitzt man noch kurz zusammen zu einer Stärkung; eine kleine Pause bevor dann die langen und anstrengenden Gottesdienste der Karwoche beginnen. Am 29. Juli feiert die Kirche von Jerusalem den Gedenktag der Hl. Marta, Maria und Lazarus. Die Verehrung der Hl. Marta, Maria und Lazarus von Betanien ist sehr alt und in den Evangelien begründet (Lk 10,38–42; Joh 11–12,11). Alle Christen verschiedener Traditionen haben diese Freunde des Herrn immer besonders geliebt und sich sehr für sie interessiert, da sie so einzigartig in die Geschichte und das Geheimnis Jesu involviert sind. Diese Feier in Betanien fällt in die Zeit des heißen Sommers. Weil die Brüder nach Gottesdienst und Agape nicht wie früher über den Ölberg direkt in die Stadt zurückgehen können, um noch in der Moschee der Himmelfahrt Christi eine Statio zu halten, muss wieder der Bus bestiegen werden. Aber trotz dieser Beschränkungen halten die Franziskaner an diesem alten Brauch fest – auch das bedeutet „Status quo“, der von Außenstehenden gern belächelt wird. Ist diese Feier in der Himmelfahrtsmoschee beendet, gehen viele Brüder einzeln und in Gruppen in ihre Klöster – der Ölberg wird regelrecht „braun“ von ihren Gewändern. Agape nach der abendlichen Messe Salböl wird an die Gläubigen verteilt © MAB/CTS Links der Eingang zum Lazarusgrab, im Hintergrund die monströse Mauer Betanien Betanien
12 1/2026 Betanien in Zeiten von Corona und Krieg Marie-Armelle Beaulieu ie Geschichte des Dorfes Betanien – heute Al-Ezarije – ist in der christlichen, islamischen und jüdischen Tradition tief verankert. Die Geschichte der Franziskaner mischt sich dort mit der von Königinnen und Nonnen, anonymen Pilgern und islamischen Kalifen. Für Pilger ist es immer noch das für alle offene Haus, in dem sie Jesus und seine Freunde treffen können. Die Pilger empfangen, wie Jesus von Lazarus empfangen wurde Die beiden franziskanischen Brüder, die das Heiligtum bis zum Jahre 2025 betreut haben, lebten eine Gastfreundschaft, wie wir sie aus den schon zitierten Evangelien kennen. Lassen wir sie zu Wort kommen über die Schwierigkeiten der vergangenen Jahre: „Betanien ist der Ort, an dem Jesus mehr ein Mensch als Gott war. Ein Mensch, der Marta, ihre Schwester und Lazarus liebte“, so Bruder Eléazar Wronski. In diesem Heiligtum empfängt der polnische Franziskaner die Pilger im Namen der Kustodie des Heiliges Landes. „Wurden Sie wegen Ihres Vornamens dahin versetzt?“ Eléazar und Lazarus sind nämlich der gleiche Vorname. „Ich mag meinen Ordensnamen sehr, aber nein… Dass ich hierherkam, war reiner Zufall: Die Mitbrüder streiten sich nicht darum, an diesen Ort zu kommen“, sagt er mit einem breiten Lächeln. Dieser Ort, das ist das palästinensische Dorf Al-Ezarije, das am Osthang des Ölbergs errichtet wurde. Heute noch empfiehlt das Navi von Google eine Route, die an Getsemani vorbeiführt und die Basilika links liegen lässt. Verlassen Sie sich nicht auf Ihr Navi! Seit 2002 versperrt die Mauer die Fahrt auf der sogenannten „Jerichoer Straße“, die gleich nach Abou Dis beginnt. Früher trennten 3 km Al-Ezarije von der Altstadt von Jerusalem, heute sind es mindestens 15 km. Es nennt sich noch ein Dorf, obwohl der Ort beinahe 25.000 Einwohner zählt. Die Hälfte besitzt noch den Jerusalemer Ausweis, der es erlaubt, D Bruder Eleazar, links der Komplex von Kloster und Kirche © MAB/CTS
1/2026 13 in Israel zu arbeiten. Aber ein Teil der Wirtschaft hat sich in die benachbarte Siedlung von Ma’ale Adumim mit ihren 40.000 Einwohnern ver- lagert. „Wenn wir die Tore des Heiligtums schließen, gibt es hier nichts zu tun: kein Schwimmbad, kein Park, kein Kino, keine Bar, wo man ein Bier trinken könnte. Wir sind von allem abgeschnitten, was das Leben hier sehr karg macht“, erklärt Bruder Eléazar und fügt mit einem Lachen hinzu: „Daher haben die Verantwortlichen der Kustodie Bruder Michaël und mich vergessen, obwohl wir seit 18 Jahren hier sind!“ Bruder Michaël Sarquah kommt ursprünglich aus Ghana. Er lacht viel und sein Lachen ist ansteckend. „Wir beten das Brevier und feiern die Messe gemeinsam, die meiste Zeit zumindest.“ Wenn kein Corona oder kein Krieg ist, reichen zwei Franziskaner kaum für das Heiligtum, das zu den von den Pilgern meistfrequentierten zählt. Im letzten „normalen“ Jahr, d. h. 2019, hatten sich 1966 Gruppen beim Pilgerbüro des Christian Information Center registrieren lassen, um mit 79.487 Pilgern eine hl. Messe zu feiern. Dies entsprach im Durchschnitt fünf Messen am Tag, für die die Brüder die Sakristei der Kirche und die beiden benachbarten Kapellen vorzubereiten hatten. Es gab auch noch die Gruppen, die unangemeldet kamen, die einen, um das Heiligtum zu besichtigen, die anderen, um in unmittelbarer Nähe das Grab des Lazarus zu sehen. Zeichen setzen In Wirklichkeit ist das Leben im Heiligtum schwieriger, als es allgemein erscheint. „Eines Tages hatten wir fast 500 Pilger auf einmal bei uns. Drei oder vier Gruppen haben wir zusammen in die Kirche geschickt. Sie kamen aus verschiedenen Ländern und hatten nicht denselben Ritus. Unter ihnen gab es eine ukrainische, griechischkatholische Gruppe. Die anderen führten wir in die Kapellen, eine in den Garten, wo wir einen Tisch hinstellten. Im Hinblick auf die Liturgie war das etwas grenzwertig, aber alle waren sehr zufrieden.“ Zufriedene Pilger, das ist für beide Brüder das Ideal franziskanischen Lebens. Offiziell öffnet das Heiligtum um 8 Uhr. Im Winter schließt es um 17, im Sommer um 18 Uhr. Aber wenn eine Gruppe sie darum bittet, wird schon um 7 Uhr morgens geöffnet und manchmal werden die Tore erst um 21 Uhr geschlossen. „Es kann sein, dass eine Gruppe im Stau stecken geblieben ist“, kommentiert Br. Eléazar diese Flexibilität nüchtern. Manchmal bringt sie ein geselliger Moment bei einem Stück Kuchen oder einem Gläschen Wein zusammen. Wird den Franziskanern etwas geschenkt, teilt es Br. Eléazar gern mit anderen. „Ein Pilger wird sich eher an einen Moment wie diesen erinnern als an alle Ausführungen über die Geschichte des Ortes oder an Predigten über die Rolle von Maria oder die Auferweckung des Lazarus.“ „Ich persönlich verdanke dem Heiligtum sehr viel. Ich stamme aus Polen, wir mögen die Tradition, die Ordnung, die Regeln. Außerdem komBruder Michael © Neva Gasparo/CTS Betanien Betanien
14 1/2026 IM LAND DES HERRN me ich aus Schlesien, wo der deutsche Einfluss sehr stark ist. Aber hier bin ich offener geworden, dank der Pilger aus allen Kontinenten mit ihren Bräuchen und Traditionen. Soll ich wirklich einen Pilger aus Nigeria tadeln, weil er im Winter in der Kirche seinen Hut nicht abnimmt? Es kann sein, dass er drei oder vier Kopfbedeckungen übereinander trägt, weil es ihm kalt ist. Das bedeutet keinesfalls, dass er dem Herrn keinen Respekt zollt! Er hat sich einfach nicht auf die Kälte eingestellt. Ich könnte auch ein Mädchen mit zu kurzem Rock tadeln, aber sie kniet und ist im Gespräch mit dem Herrn vertieft… Ich schließe dann die Augen im wörtlichen und im übertragenen Sinne.“ Auch wenn jemand etwas in der Sakristei oder der Kirche klaut, zeigt sich Br. Eléazar relativ tolerant. „Die Volksfrömmigkeit verleitet bestimmte Pilger dazu, überall und in allem Reliquien zu sehen. Es gibt sogar Priester, die die Kelche mitgehen lassen.“ Da wird es ihm dann doch zu bunt. So etwas passiert aber nicht in seiner Gegenwart. Der Gastgeber Zurzeit ist aber Krieg. Br. Michaël und Br. Eléazar sind fast zu einsamen Mönchen geworden. 2024 haben sie nur 42 Gruppen und etwa 1294 Pilger empfangen. „In 18 Jahren erschöpfen sich die Gesprächsthemen und wir haben keine Pilgeranekdoten mehr, die uns amüsieren könnten“, gibt Br. Eléazar zu. Seine neueste Entdeckung sind die Hörbücher. „Ich habe welche für die nächsten Jahre“. Er ist ein großer Fan von Tolkien und seiner Fantasy-Bücher und schätzt den Humor von Terry Pratschett: „Er glaubt nicht an Gott, aber ich sehe in seinem Werk Analogien mit dem Christentum.“ Er fährt fort: „Im Zeitalter sozialer Netzwerke kann man sich übrigens mit der ganzen Welt verbinden.“ Beim Kapitel der Kustodie im vergangenen Sommer bat er nicht um seine Versetzung. „Wenn ich da sein kann, wo meine Mitbrüder nicht so gern hinkommen wollen…“ Meditiert er noch über das Leben, das er an dem Ort führt, an den Jesus kam, um sich zu erholen, mit seinen Freunden gemeinsame Zeit zu verbringen, sich auf die Passion vorzubereiten und sie vorwegzunehmen? „Ja, aber was zählt, ist weniger, sich an das zu erinnern, was Jesus getan hat oder dass er vor 2000 Jahren hier lebte, sondern heute der Ort zu sein, an dem Pilger empfangen werden, um ihm zu begegnen.“ Br. Eléazar und Br. Michaël leben in der Nachfolge des wieder auferweckten Lazarus, sie verkörpern seinen Geist im Hier und Jetzt, und das ist sehr angenehm. Kommen also auch Sie nach Betanien! Leicht gekürzt aus „Terre sainte“ 3-2025, die Übersetzung besorgte Marie-Rose Eisenkolb Alte Ansicht des Dorfes von einem Dia (Hentschel-Ausstellung)
1/2026 15 as Heiligtum schmiegt sich an einen Hügel, die Büros des Vereins Pro Terra Sancta (ATS – Assoziazione Terra Sancta) ihrerseits an das Heiligtum. In den Büros herrscht reges Treiben. Der kleine gewölbte Raum, in dem Maisa und Saida arbeiten, verströmt einen moschusartigen Duft. Die beiden Frauen aus Al-Ezarije sind bei der ATS angestellt. Das Johannes-Evangelium berichtet, dass Maria Jesus bei einem seiner Besuche in Betanien die Füße mit einem echten, kostbaren Nardenöl salbte (Joh 12,3). „Da dieser Ort von der christlichen Tradition mit der Weiblichkeit, der Freundschaft und der Gastfreundschaft assoziiert wurde, wollten wir die Frauen in Al-Ezarije, unterstützen, indem wir ihnen in dieser schwierigen Zeit Vollzeitjobs anbieten“, erzählt Alessia Hamdan, Projektkoordinatorin der ATS in Betanien. Al-Ezarijea liegt 4 km von Jerusalem entfernt, aber auf der anderen Seite der Trennmauer, leidet also unter den wirtschaftlichen Folgen des Krieges. „Meinem Mann wurde seine Arbeitserlaubnis in Israel entzogen. Wir haben vier Kinder. Für mich war es wichtig, meine Familie zu unterstützen“, ergänzt Saida, 41 Jahre alt, die zum ersten Mal einer Arbeit außer Haus nachgeht. Maisa und sie sind Musliminnen. Auch wenn ihre Tätigkeit etwas monoton ist, betonen sie, dass „es schön ist, unsere eigene Kultur mit Leben zu füllen“. Das Verständnis von einer Entwicklung, die in der Tradition und der Unterstützung lokaler Gemeinschaften verankert ist, ist wesentlich für „Pro Terra Sancta“ – ein Besuch in Betanien Cécile Lemoine D „Pro Terra Sancta“ ist eine NGO (Nicht-Regierungs-Organisation), die im Auftrag der Kustodie an verschiedenen Plätzen im Heiligen Land arbeitet. Wir haben früher schon von verschiedenen Projekten berichtet, zum Beispiel vom Mosaikzentrum in Jericho oder von den Gästehäusern und Keramikzentren in Sebaste und Nisf Jubeil. In Betanien hat sich die Organisation die Restaurierung der vernachlässigten archäologischen Schätze des Heiligtums zum Ziel gesetzt. Immer arbeitet die Organisation mit Menschen vor Ort; anders könnte auch keine Identifizierung der Einwohner Betaniens mit ihrem Kulturerbe entstehen. Hier geht es wieder um ein Projekt, bei dem es um Gastfreundschaft und auch um die Würde der Frau geht – sehr passend für diesen Ort des Evangeliums. Das Heiligtum von Betanien (Franziskanischer Besitz rot eingekreist) aus der Vogelperspektive © ATS/Osama Hamdan
16 1/2026 diese Organisation. Seit beinahe zehn Jahren steht beziehungsweise stand sie unter der Leitung des inzwischen verstorbenen Architekten Osama Hamdan und der Kunsthistorikerin Carla Benelli. 2014 vertraute ihnen der damalige Kustos und jetzige Patriarch Pierbattista Pizzaballa OFM die Sanierung der archäologischen Überreste des Heiligtums an dem Ort an, an dem drei Kirchen zwischen dem Byzantinischen Reich und der Zeit der Kreuzzüge aufeinander folgten. „Der Standort war verwahrlost und in schlechtem Zustand“, erzählt Carla Benelli. Osama Hamdan, der mittlerweile verstorbene Mitarbeiter aus Jericho, erstellte einen Masterplan, der den Rundgang durch diese Heiligen Stätte, zu der auch das Grab des Lazarus gehört, neu konzipierte. „Das Problem ist, dass Reisegruppen in Betanien einen Halt nur einlegen, wenn sie zum Toten Meer fahren oder von dort zurückkommen. Sie bleiben eine Viertelstunde“, seufzt Br. Eléazar Wronski. „Wir wollten einen Rundgang schaffen, der ihnen erlauben würde, die Geschichte des Ortes kennenzulernen“, sagt Carla. Osama habe Wert darauf gelegt, dass die Bevölkerung am Sanierungsprozess aktiv beteiligt wird. Für ihn war das langfristige Überleben der Heiligen Stätte nur so zu gewährleisten. ATS hat also mit der finanziellen Unterstützung der „Italienischen Agentur für Entwicklungszusammenarbeit“ (AICS) einen Teil der Ruinen geräumt und saniert, schon 2015 Sommercamps für Archäologie organisiert und 2024 in Kooperation mit der Universität Palermo einen Bachelorstudiengang in Denkmalpflege an der benachbarten Universität von Abu Dis eingerichtet. Zudem hat „Pro Terra Sancta“ mit dem Bau eines „Saales des Kulturerbes“ begonnen, um die Pilger in einem modernen Multimediaraum zu empfangen, und Besichtigungen für Jugend- und Kindergruppen organisiert… „Unser Ziel ist es nicht, Geld zu verteilen, sondern die Menschen in Zukunft dazu zu befähigen, ihr eigenes Erbe in die Hand zu nehmen“, betont Carla Benelli. Multikulturelles Zusammenleben Das Heiligtum liegt an einem Hang. Es ist inzwischen von der dichten Stadtbebauung von Al-Ezarije umgeben (siehe Skizze) und so eingeengt, dass der unmittelbare „Nachbar“, die Moschee, und die schmale Gasse, die sie trennt, als Fluchtweg für Gruppen von Jugendlichen dient, wenn es zu Zusammenstößen mit der israelischen Armee kommt. „Das Zusammenleben ist nicht immer einfach“, bedauert Br. Eléazar. Um der Botschaft von Freundschaft und Gastfreundschaft von Betanien zu gedenken, veranstaltet Pro Terra Sancta jedes Jahr ein Iftar (muslimisches Fastenbrechen) mit lokalen Würdenträgern. „Für sie ist es immer eine Herausforderung, etwas Neues zu akzeptieren“, betont Jawad, der bei der ATS in Betanien angestellt ist. „Aber nach zehn Jahren haben die Leute von Betanien verstanden, dass die Präsenz von ATS und ihre Tätigkeit nur der Bewahrung ihres Kulturerbes und ihrer Unterstützung dienen.“ Die beiden Frauen bei ihrer Arbeit © Cécile Lemoine/TSM IM LAND DES HERRN Eine junge Frau, ausgebildet im Mosaikzentrum des ATS Jericho, arbeitet an den Mosaiken vor der Kirche © Marinella Bandini/CTS
1/2026 17 Von Vilsbiburg nach Betanien – wenn eine Orgel „verreist“ Petrus Schüler und 70 Jahre nach dem Bau der Kirche in Betanien ist der eindrucksvolle Bau des Architekten Barluzzi vervollständigt worden durch eine einmanualige Orgel mit sechs Registern des Orgelbauers A. Ziegeltrum aus dem niederbayerischen KarmeliterinnenKloster St. Josef in Vilsbiburg. Auch wenn das Instrument nicht speziell für diesen Kirchenraum geschaffen wurde, fügt es sich doch gut in den Kirchenraum ein und – was noch wichtiger ist – passt auch akustisch gut. Die letzte Schwester des Karmel lebt heute im Kloster Seligenthal (Landshut) und wir haben uns erkundigt, wie es dazu kam, dass diese Orgel jetzt im Heiligen Land ihren Dienst tut. Liebe Sr. Margaretha, in der Kirche des Heiligtums steht eine Orgel aus dem Karmel Vilsbiburg. Wie kam es dazu, dass diese Orgel in das Heilige Land gekommen ist und heute im Heiligtum in Betanien ihren Dienst tut? Am 6.Jänner.2017 haben wir Schwestern uns nach einer langen Entscheidungsphase entschlossen, unser Kloster zu verlassen. Ausschlaggebend war ein vatikanisches Schreiben „Cor orans“. Wir haben uns entschlossen das Kloster zu verkaufen. Herr Landrat Dreier hatte ein offenes Ohr und ein offenes Herz für unsere Not. Wobei die Nähe zum Krankenhaus und zum Hospiz (es wurde schon zum Teil auf unserem Grund gebaut) ausschlaggebend war. So entschloss sich der Landkreis Landshut das Kloster zu kaufen. Da die Kapelle nicht mehr regelmäßig zur Hl. Messe benutzt wurde, war es sinnvoll einen guten Platz für das wunderschöne Instrument zu suchen. So war es wohl eine Fügung, dass ein Franziskaner auf das Instrument aufmerksam wurde. Hat es Ihnen nicht Leid getan, sich von der Orgel trennen zu müssen? Natürlich hat es uns leid getan um das schöne Instrument! Aber angesichts der Tatsache, dass sie so einen wunderschönen Platz bekommt, waren wir doch versöhnt. Für mich ist Betanien der Ort, wo man Jesus die größte Liebe erweisen kann. IHN zu salben, zu Seinen Füssen zu knien und Ihm zuzuhören. Es ist das liebende Schweigen, das keiner Worte mehr bedarf. Die modernen Ornamente am Orgelprospekt aus Emaille haben Sie selbst gefertigt? Die Schleierblätter und alles was dazu gehört, haben wir „zum Leidwesen vom Orgelbauer“, selber entworfen und auch die Emailarbeiten wurden selber gearbeitet. R P. Fergus Clarke, seit vielen Jahren einer der Organisten der Kustodie beim Weihegottesdienst im April 2023 © CTS
18 1/2026 is jetzt haben wir Mose als Vorläufer Jesu dargestellt und ihm damit eine Rolle zugewiesen, die die höchste Würde ausdrückt, die einem „sterblichen Menschen“ zuteil werden kann. Indem wir auf die Sterblichkeit des Mose hinweisen, stellen wir die Frage: Wie ist es nach dem Tod dieses einmaligen Gottesmannes mit Israel weitergegangen? Gab es für einen Mann wie ihn einen gleichwertigen Nachfolger? – Nun, für einen Nachfolger hatte Gott auf eine Bitte des Mose hin selbst gesorgt. Dieser Nachfolger war sicherlich kein „zweiter Mose“, aber er war ein treuer Anhänger seines großen Meisters und ein tüchtiger Kriegsmann. Er hieß ursprünglich „Hoschea, Sohn des Nun“, aber Mose hatte aus Gründen, die wir nicht kennen, seinen Namen in „Josua“ umgewandelt. Josua – Jahwe hat geholfen Josua oder Jeschua hat sprachlich dieselbe Wurzel wie „Jesus“ und bedeutet: „Gott hat geholfen“. Der Namensträger legt also ein Glaubensbekenntnis ab, er bekundet ein lebendiges Vertrauen in einen fürsorgenden und rettenden Gott. Wir erinnern uns an den Kampf, den der junge Josua unter „Aufsicht“ des Mose gegen die Amalekiter geführt hat: Während Mose auf dem Berg um den Sieg betete, hat Josua mit seinen Männern „im Tal“ die Feinde überwunden und so dokumentiert: Wer seine Hoffnung auf Jahwe setzt, wird nicht zuschanden. – Nach biblischer Überlieferung war Josua von Jugend an der Diener des Mose gewesen. Und weil er das besondere Vertrauen seines Herrn genoss, durfte er ihn nach dem Bundesschluss am Sinai auf den Gottesberg begleiten und später als Wächter des Offenbarungszeltes fungieren. – Eine weitere wichtige Aufgabe, die Josua noch unter Mose erfüllt, war die Erkundung Kanaans, des „Gelobten Landes“, das nach den Jahren des Wüstenzuges für Israel zur Heimat werden sollte. Mose schickte zwölf Männer als Kundschafter aus, unter ihnen Josua als Vertreter seines Stammes Efraim. Fast alle Kundschafter lieferten übertriebene Schilderungen von der Größe und Stärke der Landesbewohner, so dass die Israeliten in Angst gerieten und ihrem Gott nicht mehr zutrauten, dass er sie in B Kampf gegen die Amalekiter, Pfarrkirche Oberammergau Biblische Gestalten Josua und die Richter Sigfried Grän OFM
1/2026 19 das Land der Verheißung würde bringen können. Nur Josua (und Kaleb) versuchten ihren Brüdern Mut zu machen mit dem Hinweis auf Gottes Beistand. Sie erreichten jedoch nichts, und Gott verhängte über die Murrenden ein strenges Strafgericht: Kein Erwachsener solle den Fuß in das Gelobte Land setzen (auch Mose nicht, da er beim Wunder vom „Wasser aus dem Felsen“ an Gott gezweifelt hatte). Nur Josua und Kaleb waren von dieser Strafe ausgenommen. Und Gott bestimmte Josua für die Aufgabe, die Kinder Israels nach Kanaan zu führen und das eroberte Land unter die einzelnen Stämme zu verteilen. Feier des Neubeginns In unserer liturgischen Leseordnung (1. Lesung, 4. Fastensonntag C) wird ein kurzer Josua-Text vorgestellt (Jos 5,10–12), der den Abschluss der Wüstenwanderung und den Neuanfang im Kulturland Kanaan beschreibt. Es heißt da: „In jenen Tagen sagte der Herr zu Josua: Heute habe ich die ägyptische Schande von euch abgewälzt. Als die Israeliten in Gilgal ihr Lager hatten, feierten sie am Abend des vierzehnten Tages jenes Monats in den Steppen von Jericho das Pascha. Am Abend nach dem Pascha aßen sie ungesäuerte Brote und geröstetes Getreide aus den Erträgen des Landes. Vom folgenden Tag an blieb das Manna aus. Von da an hatten die Israeliten kein Manna mehr, denn sie aßen in jenem Jahr von der Ernte des Landes Kanaan.“ Mit diesem Text haben wir uns endgültig von Mose verabschiedet. Die Israeliten haben ihre ersten Schritte in das „Gelobte Land“ getan und gönnen sich (unter der Führung des Josua) eine Ruhepause. Sie schauen vorwärts und rückwärts und betrachten ihr Schicksal im Lichte Gottes. In diesem Licht betrachtet – das erkennen sie sehr gut – war manches in ihrem Leben dunkel. An die Feier des Paschafestes z. B. hat man in der Wüstenzeit gar nicht mehr gedacht. Viele jüdische Männer haben sich in den letzten Jahrzehnten nicht mehr beschneiden lassen. Das Volk hat sich immer wieder gegen Mose (und damit gegen Gott) aufgelehnt und damit gegen den beschwerlichen Weg in die Freiheit protestiert. Den wahren Gott hat man zeitweise mit einem selbstverfertigten Goldenen Kalb vertauscht. Gegen das Manna, das Brot vom Himmel, hat man gelästert und sich nach der ägyptischen Sklaverei mit ihren wohlgefüllten Fleischtöpfen zurückgesehnt. – Das alles liegt nun viele Jahre zurück. Israel hat die Grenzen seiner Josua und die Richter Josua und die Richter Rechts im Bild der Tod und Begräbnis des Mose, links daneben wird Josua (hier als Kriegsmann) von Mose zur Erkundung des Landes Kanaan geschickt. Lorenzkirche Nürnberg
20 1/2026 künftigen Heimat erreicht und überschritten. Es hat sich an einem Ort gesammelt, der einen interessanten bildhaften Namen trägt: „Gilgal“. Das heißt im Hebräischen „wälzen“, und der Verfasser unseres Textes macht daraus eine Art Reinigungsprogramm. Er schildert in den Sätzen, die unserer Lesung vorausgehen, wie an allen jüdischen Männern endlich wieder die Beschneidung durchgeführt wird. Und dann lässt er Gott sprechen: Heute habe ich die ägyptische Schande von euch „abgewälzt“. Die Schande der kultischen Unreinheit (in der die Unbeschnittenen lebten), das Sklavenjoch der Ägypter, die Gottesferne und die Revolution gegen die Freiheit: das alles ist jetzt Vergangenheit. Israel, das oft einer Schar störrischer Kinder glich, ist im Begriff erwachsen zu werden und in eine neue Phase seiner Geschichte einzutreten. – „Erwachsen werden“ – d.h. aber: auf eigenen Füßen stehen, sein Leben selbst in die Hand nehmen. Zunächst erinnert man sich in einer großen gemeinsamen Paschafeier dankbar an alles, was man an Fürsorge und Schutz von Gott erfahren hat. – Gott hat die Ägypter gezüchtigt, indem er ihre Erstgeburt getötet hat. An den Häusern der Israeliten aber, die mit dem Blut eines Lammes markiert waren, ist der strafende Engel Gottes vorbeigegangen. – Die Israeliten mussten dann einen langen Weg zurücklegen, bis sie durch die Bindung an die „Zehn Gebote“ zum Bundesvolk Gottes wurden. – Dann hat Gott seine Kinder mit Manna und Wasser aus dem Felsen ernährt. Er hat Israel streckenweise getragen, wie ein Vater seinen unmündigen Sohn auf den Armen trägt. Diese Zeit ist jetzt vorbei. Die Israeliten essen zum ersten Mal von den Erträgen des Landes. Was sie ernten und verzehren, haben wohl andere gesät (die Israeliten sind erst vor kurzem in das Kulturland Kanaan eingedrungen). Die Ernte-Arbeit der jüdischen Nomaden verrät großen Eifer, aber sie ist wohl noch anfängerhaft. Trotzdem kann man sagen: Das Wenige, das die jüdischen Männer einbringen, ist zu einem guten Teil ihr Werk. – Deshalb kann Gott ab heute den Manna-Regen einstellen. Die Fruchtbarkeit des Landes wird in Zukunft an die Stelle des Brotes vom Himmel treten. „Feier des Neubeginns“ haben wir diesen Abschnitt überschrieben. Er hat etwas mit dem „Zauber des Anfangs“ zu tun, von dem Hermann Hesse in seinem bekannten Gedicht „Stufen“ sagt: „Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne – der uns beschützt und der uns hilft zu leben. – Wir sollen heiter Raum um Raum durchschreiten – an keinem wie an einer Heimat hängen. – Der Weltgeist will nicht fesseln uns und engen, – er will uns Stuf um Stufe heben, weiten...“ Der Weg Israels, in dem wir unseren eigenen Glaubensweg vorgezeichnet finden, führt aus den Niederungen in die Höhe, aus der Enge in die Weite. Und der Gott, der uns auf diesem Weg begleitet, stellt auch mit dem Blick auf uns fest: „Heute habe ich IM LAND DES HERRN Mose und Aaron, in der Mitte die Gesetzestafeln, Portal der Kirche des Complesso monumentale dei Girolamini, Neapel
1/2026 21 die ägyptische Schande von euch abgewälzt! Geht nun euren Weg, den Weg in ein neues Land und in eine große Zukunft!“ Die Eroberung Jerichos Schauen wir nach diesen theologischen Überlegungen auf den Kriegsmann Josua, der vor der Aufgabe steht, das Heilige Land „mit Gottes Hilfe“ zu erobern. – Dieses Angewiesensein auf himmlischen Beistand wurde Josua dadurch klar gemacht, dass er eines Tages vor der mächtigen Stadt Jericho einen Mann mit einem gezückten Schwert in der Hand erblickte, der sich als „Anführer des himmlischen Heeres“ vorstellte. Josua fiel vor ihm nieder, um ihm zu huldigen. Und der geheimnisvolle Fremde sagte: „Zieh deine Schuhe aus, denn der Ort, wo du stehst, ist heilig.“ Josua tat so, und er wusste nun: Gott ist mir nahe und be- gleitet meine Unternehmungen mit seinem Beistand. Besonderen Respekt hatten die Israeliten vor der stark befestigten Stadt Jericho. Sie galt als uneinnehmbar. Gott selber musste den Kriegern Anweisungen geben, wie sie die Mauern von Jericho zum Einsturz bringen konnten. Sechs Tage lang umkreiste das jüdische Heer täglich einmal die Stadt und begleitete diese Prozession (in der die Bundeslade mitgetragen wurde) mit lautem Hörnerklang. Am siebten Tag zog man siebenmal um die Mauern, blies sieben Widderhörner und ließ durch das Volk ein lautes Kriegsgeschrei anstimmen. Und wie Jahwe verheißen hatte, stürzten die Mauern von selber ein; die Israeliten konnten mühelos über die Trümmer steigen und Jericho erobern. (Seitdem weiß jeder Bibelkundige, dass Kämpfe nicht nur mit Waffen entschieden werden, sondern dass dabei auch psychologische Techniken, wie die „Posaunen von Jericho“ eine wichtige Rolle spielen!) Das Sonnenwunder von Gibeon Nachdem das mächtige Jericho gefallen war, rückten die Israeliten gegen die große Stadt Ai vor. Aber diesmal waren sie nicht erfolgreich. Die Männer von Ai zwangen die Angreifer zur Flucht und erschlugen 36 von ihnen. Für die sieggewohnten Juden, vor allem für Josua, war diese Niederlage ein Schock. Hatte Gott sein Volk im Stich gelassen? Wollte er es seinen Feinden ausliefern? Josua haderte einen ganzen Tag lang mit seinem himmlischen Herrn und Vater. Dann erhielt er eine Antwort, die alles klarstellte: Ein gewisser Achan aus dem jüdischen Heer hatte sich gegen Gottes ausdrücklichen Befehl am Beutegut von Jericho vergriffen und Gold, Silber und einen kostbaren Mantel zum eigenen Gebrauch auf die Seite geschafft. Die Niederlage von Ai war also Gottes Strafe für diesen Frevel, den Josua schleunigst sühnte, indem er Achan im Tal Achor (so nannte man den Ort im Anklang an seinen Namen) steinigen ließ. Von jetzt an war das Kriegsglück wieder auf Seiten Israels. Die Stadt Ai konnte problemlos eingenommen werden. Um dem Schicksal der Eroberung oder Versklavung zu entgehen, verbündeten sich schließlich fünf Kanaaniterkönige gegen Josua und Die mächtigen Mauern Jerichos, heute noch sichtbar auf dem Tell es Sultan Josua und die Richter Josua und die Richter
IM LAND DES HERRN 22 1/2026 seine Truppen. Gott aber sprach zu Josua: „Fürchte dich nicht vor ihnen, ich gebe sie in deine Gewalt.“ Tatsächlich konnte Josua die Verbündeten sehr leicht schlagen, denn Gott versetzte sie in Schrecken und Verwirrung, so dass sie alsbald die Flucht ergriffen. Und auf der Flucht kamen noch mehr Feinde um als bei den Kämpfen, weil nämlich „der Herr große Hagelsteine vom Himmel her auf sie warf“ (Jos 10,11). – Außerdem wirkte Gott zugunsten Josuas ein kosmisches Wunder. Um die Verfolgung der Gegner fortsetzen und den Sieg voll ausnutzen zu können, betete Josua zu Gott und sprach dabei die berühmten Worte: „Sonne, bleib stehen über Gibeon, und du, Mond, über dem Tal von Ajalon!“, und die Sonne verzögerte fast einen ganzen Tag lang ihren Untergang, bis Israel einen totalen Sieg über seine Feinde errungen hatte. Die fünf Könige aber, die sich in einer Höhle versteckt hatten, wurden von Josua aufgegriffen und hingerichtet. Und ihre Städte wurden erobert. – Unser Text sagt: „So schlug Josua das ganze Land... mit all seinen Königen.“ Der „Landtag von Sichem“ Als schließlich ganz Kanaan gewonnen war, verteilte Josua das eroberte Gebiet an die zwölf Stämme Israels. (Wer sich für die Einzelheiten dieser Verteilung interessiert, möge im Josuabuch die Kapitel 13 bis 22 lesen.) Am Ende seines Wirkens, als Josua schon hochbetagt war, versammelte er alle Stämme Israels auf dem so genannten „Landtag von Sichem“. (Sichem war ein uralter heiliger Ort, an dem schon Abraham ein Lager aufgeschlagen hatte.) Bei dieser Versammlung hielt Josua eine große Abschiedsrede, die in die grundsätzliche Frage mündete: Wem will Israel in Zukunft dienen? Dem „wahren Gott“ oder „den Göttern“? – Josua stellte diese Frage im Angesicht der „Ältesten, der Oberhäupter, Richter und Listenführer“. Und für sich selber gab er schon die Antwort, die er von allen erwartete: „Ich und meine Sippe, wir wollen dem Herrn, unserem Bundesgott Jahwe, dienen.“ – Nach Auskunft des biblischen Textes, der freilich von einem theologisch hochgebildeten Verfasser stilisiert und idealisiert worden ist, antwortete das ganze versammelte Volk mit Die auch heute noch imposanten Reste der einstigen Stadt Ai
1/2026 23 Überzeugung und Bekennerfreude: „Auch wir haben uns längst so entschieden wie du, Josua. Wie könnten wir auch einen Gott verlassen, der uns aus der ägyptischen Sklaverei befreit, der uns in der Wüste Manna und Wasser aus dem Felsen gewährt und uns viele Siege über feindliche Stämme verliehen hat? Nein, wir kennen keine anderen Götter. Auch wir wollen dem Herrn dienen, denn er ist unser Gott!“ – Darauf erneuerte Josua feierlich den Bund mit Jahwe. Er schrieb die Worte dieses Vertrages in das „Buch des Gesetzes Gottes“ und zur Erinnerung an dieses Ereignis stellte er einen großen Stein unter der „heiligen Eiche von Sichem“ auf. – Bald darauf starb Josua im Alter von 110 Jahren und wurde auf seinem Erbbesitz begraben. Historisch-kritische Erwägungen Wie eben schon angedeutet, ist diese Szene idealisiert und verklärt. Die Historiker meinen, dass die Josua-Gruppe beim Eindringen in das kanaanäische Kulturland auf andere Einwanderer stieß und mit ihnen eines Tages einen Freundschaftsvertrag schloss, der für damalige Verhältnisse ungewöhnlich war: Josua drängte seine Bündnispartner offenbar dazu, die Götter ihrer Väter aufzugeben und zum Jahweglauben überzutreten. Daraus entstand der politisch differenzierte, in der religiösen Grundüberzeugung aber einheitliche Stämmeverband des alten Israel. – Dieser Verband war freilich in seiner religiösen Praxis nicht so einmütig und ideal ausgerichtet wie es unser Text unterstellt. Sein Pathos der klaren Entscheidung für Gott wirkt brüchig, wenn man die Vorwürfe der späteren Propheten hört, die dem Volk immer wieder vorhalten: „Ihr habt euch von Gott abgewandt und den Bund mit ihm gebrochen!“ – Gelegentlich bekennt sogar das Volk: „Wir haben gesündigt, denn wir haben den Herrn verlassen und den Baalen und Astarten gedient“ (1 Sam 12,10). – Und im Richterbuch (das auf das Buch Josua folgt), gibt es einen vielsagenden Götzenkatalog. Die Israeliten (heißt es dort) „dienten den Baalen und Astarten, den Götter Arams, den Götter Sidons, den Göttern Moabs, den Göttern der Ammoniter und der Philister“ (10,6). Tell Balata (das antike Sichem) am Ortsrand von Nablus vom Berg Garizim aus Josua und die Richter Josua und die Richter
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