Franziskanische Zeitschrift für das Heilige Land 80. Jahrgang 2026 / Heft 3
Um Zions willen kann ich nicht schweigen, um Jerusalems willen nicht still sein. (Jes 62,1) Mit diesen Worten beginnt ein Brief des Generalministers des Franziskanerordens, P. Massimo Fussarelli, vom Juni 2026, der konkret die Lage im Nahen Osten anspricht und aus dem ich zitiere: Als Gläubiger, als Minderbruder und als Generalminister einer Bruderschaft, die seit Jahrhunderten im Heiligen Land präsent ist, spüre ich, dass die Zeit gekommen ist, meine Stimme zu erheben. Die jüngsten Ereignisse haben das Fass zum Überlaufen gebracht: in Israel und Gaza, im Südlibanon bis hin nach Beirut, in den letzten Stunden in Taybeh, das traditionell mit dem biblischen Ephraim identifiziert wird, wohin sich Jesus vor seinem Leiden zurückzog. Angesichts der Tausenden und Abertausenden von Kindern, die gestorben sind, der Opfer von Gewalt, die weder Alter noch Stand verschont, der wahllosen Zerstörung, die das Land verwüstet, und der Enteignung von Völkern ihres Landes und ihrer Sehr verehrte Leserinnen und Leser, liebe Freunde des Heiligen Landes! Rechte fühle ich mich verpflichtet, gemeinsam mit dem Propheten zu wiederholen, dass es gerade weil ich liebe – weil wir lieben – Jerusalem und dieses ganze Land, die Wiege vieler Völker seit frühester Zeit, lieben, dass wir nicht länger schweigen können. Wir können und wollen nicht neutral bleiben, sondern Friedensstifter sein, Arbeiter der Gerechtigkeit, fähig, das Böse anzuprangern, woher es auch kommen mag. Kein politischer, religiöser, strategischer oder militärischer Grund kann die Verleugnung der unantastbaren Würde jedes Menschen, ohne Ausnahme, rechtfertigen. Wir entscheiden uns dafür, zu bleiben, auch wenn unsere Anwesenheit vielleicht nicht mehr willkommen zu sein scheint. Diesen klaren Worten an alle Seiten sei nichts weiter hinzugefügt. Ich grüße Sie herzlich im Namen der deutschsprachigen Kommissare des Heiligen Landes, Ihr
Inhalt Biblische Gestalten Samuel Sigfried Grän OFM Nabi Samuil Heinrich Fürst OFM/Gregor Geiger OFM Der Heilige Engelbert Kolland – Orte seiner Verehrung Geburtshaus und Haus seiner Familie Petrus Schüler OFM Das Heilige Grab zu Lerschach bei Toblach und die Heiliggrabkapelle in Wiesen bei Sterzing (Südtirol) Petrus Schüler OFM Die Kirche der hl. Erzengel im Armenischen Viertel Jerusalems Petrus Schüler OFM Neuigkeiten aus dem Heiligen Land Titelbild: Ein Junge beim Freitagsgebet an der zerstörten Al-Huda-Moschee (Khan Younis) im Gazastreifen. Die Moschee wurde am 14. August 2026 durch die israelische Armee zerstört © Abed Ramin Khatib/FLASH90 Rückseite: Das Grab Samuels von Al-Dschib, dem biblischen Gibeon aus gesehen Seite 4 Seite 15 Seite 19 Seite 29 Seite 23 Seite 35 3/2026 3
4 3/2026 it dem vorliegenden Kapitel vollziehen wir einen Übergang. Wir verabschieden uns von der Epoche der „Richter“ und treten in die israelitische „Königszeit“ ein. Nun sind Übergangszeiten in der Regel nicht leicht darzustellen, weil sich in ihnen verschiedene Entwicklungen überschneiden: das Alte ist noch mächtig und seine Herrschaft erscheint unangefochten. Aber da und dort regen sich neue Ideen und melden sich Männer zu Wort, die daran arbeiten, die bestehende Ordnung abzulösen. Im vorliegenden Fall verdichtet sich diese Krise des Übergangs in einer einzigen Person, in dem Priester und Propheten Samuel, der seine Wirkungszeit (im 11. Jahrhundert) als hochgeachteter Richter beginnt, in späteren Jahren aber zum „Königsmacher“ wird, der sein Volk in einen neuen Abschnitt seiner politischen Geschichte führt. Ein schwieriger Name Im Allgemeinen lernt man eine biblische Gestalt schon recht gut kennen, wenn man ihren Namen erklärt. Denn die biblischen Namen sind nicht „Schall und Rauch“, sondern enthalten meist eine Charakterisierung des Helden. Bei „Samuel“ ist das leider anders, genauer gesagt: wir haben nicht den Schlüssel, um die Bedeutung dieses Namens aufzuschließen. Fest steht lediglich, dass der Name in seiner Schlusssilbe den Gottesnamen „El“ enthält. Samuel steht also in Beziehung zu Gott. Worin sich diese Beziehung zeigt, ist unter Fachleuten umstritten. Samu bzw. schemu kann „Name“ bedeuten, dann würde Samuel besagen: „Sein Name ist El“ (was keinen besonders guten Sinn ergibt). Die Bibel selbst versucht eine andere Ableitung. Sie schreibt: Seine Mutter „nannte ihn Samuel, denn (sie sagte): Ich habe ihn vom Herrn erbeten“ (1 Sam 1,20). – Die Fachleute wenden ein: Diese Erklärung passt gut zu „Saul“ („scha-al“ heißt bitten), nicht aber zu „Samuel“, das vom Wortsinn her nichts mit „bitten“ zu tun hat. – So müssen wir uns damit begnügen, Samuel als einen „Gottes-Mann“ zu sehen, der wie ein zweiter Mose sehr eng mit seinem Schöpfer verbunden Samuel, Darstellung Stiftskirche Gernrode Biblische Gestalten Samuel Sigfried Grän OFM M
3/2026 5 ist, der uns das Geheimnis seines Namens aber nicht ganz preisgibt. Ein Mann der Wende Eine neue Epoche wird von den biblischen Autoren gerne mit der Kindheitsgeschichte einer maßgeblichen Persönlichkeit eingeleitet. So steht zu Beginn der Urväter-Zeit die Geburt Isaaks, während die frühe Volksgeschichte Israels in Erzählungen über die Jugend des Mose eingebettet ist. – Wie schon angedeutet, ist Samuel eine „epochale Gestalt“, mit der die „Königszeit“ einsetzt. Seine Geburt hat für Israel deshalb so etwas wie „weltgeschichtliche Bedeutung“. Entsprechend wunderbar wird diese Geburt literarisch ausgestaltet. Man kann sagen: Der „Eintritt Samuels in die Welt“ benützt Erzählmuster, wie wir sie von Johannes dem Täufer und (in abgewandelter Form) von Jesus Christus kennen. – Hören wir zunächst auf das, was uns der biblische Text erzählt: Samuel wird um 1075 v. Chr. in Rama im Gebirge Efraim geboren. (Dieses Rama wurde zur näheren Kennzeichnung auch „Ramatajim“ genannt, und diesen Ort kennt jeder gebildete Christ, wenn auch unter der abgewandelten Form „Arimathäa“. Das ist bekanntlich die Heimat eines gewissen Josef, der ein „heimlicher Jünger“ Jesu ist und sich um das Begräbnis seines Meisters kümmert, vgl. Mt 27,57 und Joh 19,38.) Samuels Vater Elkana hatte zwei Frauen: Peninna, die ihm Kinder geboren hatte, und Hanna, die er mehr liebte, obwohl sie kinderlos war. Um den Sticheleien Penninas und der Schande der Kinderlosigkeit zu entgehen, erbat sich Hanna bei einer Wallfahrt nach Schilo (dem damals bedeutendsten Kultort der Israeliten, an dem die Bundeslade aufbewahrt wurde) einen Sohn. Dabei machte sie das Gelübde: „Wenn Gott mein Gebet erhört und mir einen Sohn schenkt, will ich ihn diesem Heiligtum weihen.“ Meisterhafte Schilderung Der Verfasser unseres Textes war ein scharfsichtiger Beobachter des realen Lebens. Er konnte sich in den Schmerz der kinderlosen Frau so gut einfühlen, dass er den Leser förmlich miterleben lässt, wie sich Hanna betend vor Gott benimmt. Er sagt: Sie betete lange vor dem Herrn. „Dabei bewegten sich ihre Lippen, doch ihre Stimme war Samuel Samuel Blick auf die Ortslage von Arimathäa, heute Rantis im Westjordanland, 25 km östlich von Jaffa, Geburtsort des Samuel
6 3/2026 nicht zu hören.“ Die in sich versunkene Beterin merkte nicht, dass sie beobachtet wurde. Eli, der Priester des Heiligtums, saß auf seinem Stuhl an den Türpfosten des Tempels und schaute aufmerksam auf die fremde Frau. Weil sie unverständliche Worte murmelte, glaubte der Priester, sie habe zu viel getrunken (was ja noch heute gelegentlich unter Wallfahrern vorkommt) und sagte etwas unwirsch: „Wie lange willst du dich noch so aufführen? Geh nach Hause und sieh zu, dass du deinen Weinrausch los wirst“ (vgl. 1 Sam 1,14). Hanna, die sich ja nichts vorzuwerfen hatte, erwiderte selbstbewusst: „Mein Herr, du beschuldigst mich zu Unrecht. Ich habe weder Wein noch Bier getrunken, ich habe nur vor Gott mein Herz ausgeschüttet. Aus großem Kummer habe ich so lange geredet!“ Eli hatte mit der unglücklichen Frau sofort Mitleid und tröstete sie: „Geh in Frieden. Der Gott Israels wird dir die Bitten erfüllen, die du heute an ihn gerichtet hast“ (vgl. 1 Sam 1,17). – Und Hanna verließ das Heiligtum und hatte kein trauriges Gesicht mehr. Bald darauf wurde sie schwanger und gebar einen Sohn, den sie Samuel nannte. Der Musterknabe im Heiligtum Nachdem der kleine Samuel entwöhnt war (Kinder wurden damals gelegentlich bis zu drei Jahren gestillt), brachte Hanna ihn nach Schilo und übergab ihn mit einem stattlichen Opfer in Elis Obhut. Wie schon erwähnt, war Schilo der Ort, an dem sich die Bundeslade befand. Den Dienst an diesem angesehenen Heiligtum versahen Eli und seine beiden Söhne Hofni und Pinhas. – Diese Priester-Söhne waren keine Zierde ihres Standes. Sie waren Taugenichtse, die sich an den Almosen der Pilger bereicherten und die besten Stücke vom Opferfleisch für sich beanspruchten. So entweihten sie jeden Tag das heilige Amt, das ihnen anvertraut war. – Auf diesem dunklen Hintergrund hob sich um so leuchtender das Bild des IM LAND DES HERRN Besucherzentrum der Siedlung Schilo: in Anlehnung zum biblischen Text wird reichlich Wein angeboten, der in der Umgebung angebaut wird
3/2026 7 jungen, unschuldigen Samuel ab, der mit einem leinenen Efod (einem liturgischen Gewand) bekleidet wie ein kleiner Prinz aussah und mit Eifer und Freude seine Ministranten-Dienste versah. Jedes Jahr, wenn seine Eltern zur Wallfahrt kamen, brachte ihm seine Mutter ein neues Obergewand mit, da er aus dem alten herausgewachsen war. Eli segnete Hanna und Elkana und wünschte ihnen für den Knaben, den sie Gott übereignet hatten, weitere Nachkommen. Und tatsächlich wurde die einst unfruchtbare Hanna mit fünf weiteren Kindern gesegnet. Ein Vorausbild Jesu Über die frühen Jahre Samuels sagt der biblische Text zusammenfassend: „Der Knabe Samuel wuchs heran und gewann immer mehr an Gunst beim Herrn und auch bei den Menschen“ (1 Sam 2,26). – Bei diesem Satz fühlt sich der christliche Leser an die Aussage des Lukas-Evangeliums (am Schluss der Episode vom „zwölfjährigen Jesus im Tempel“) erinnert: „Jesus aber wuchs heran und seine Weisheit nahm zu, und er fand Gefallen bei Gott und den Menschen“ (Lk 2,52). Mit anderen Worten: Für Lukas war Samuel, der von Kindheit an im Dienst Gottes stand, ein Vorausbild Jesu Christi, der sich ebenfalls im Tempel zu Hause fühlte und der auch schon im frühen Alter „dem Herrn geweiht worden war“. – Und Lukas zögert nicht, auch Hanna in seine „Theologie der Vorausbilder“ einzubeziehen. Von Hanna war ein Danklied überliefert, das sie nach Samuels „Weihe“ gedichtet und gebetet hatte (1 Sam 2,1 ff.). Dieses Danklied ist in das „Magnificat“ eingegangen, das die Gottesmutter Maria beim Besuch ihrer Base Elisabeth anstimmte (Lk 1,46 ff.). – Größeres kann man von einem Menschen wohl nicht sagen als das, was hier von Samuel und seiner Mutter gesagt wird: Dass sie ihrer Umwelt eine Ahnung vermittelt haben von dem, was der Menschheit rund 1000 Jahre später in Jesus und Maria geschenkt werden sollte. Johann Spiegler, Geburt des Propheten Samuel © Bayer. Nationalmuseum München, Foto Karl-Michael Vetters Samuel Samuel Szene im Tempel von Schilo, Hauptportal Münster Villingen
IM LAND DES HERRN 8 3/2026 Die Berufung Samuels Halten wir fest, was wir schon gehört haben: Die religiösen und moralischen Verhältnisse im Hause Eli waren Ärgernis erregend, und Eli selbst war zu schwach, um durchzugreifen und Ordnung zu schaffen. Dazu kommt: Was in Elis Familie geschah, war kein Einzelfall. Allenthalben hatten die religiösen Führer versagt. Die Verbindung des Volkes mit Gott war weitgehend abgebrochen. Unser Text sagt: „In jenen Tagen waren Worte des Herrn selten, Visionen waren nicht häufig“ (1 Sam 3,1). – Es war nun der junge Samuel, mit dessen Hilfe Gott diesen beklagenswerten Zustand änderte, anders gesagt: Samuel wurde in jungen Jahren zu der Aufgabe berufen, Mittler zwischen Gott und seinem Volk Israel zu sein. Wie diese Berufung geschah, dürfte den meisten Christen aus der Liturgie bekannt sein (man erinnere sich an den 2. Sonntag im Jahreskreis, Lesejahr A, 1. Lesung): Gott spricht den jungen Mann mitten in der Nacht mit seinem Namen an und Samuel springt jedes Mal gehorsam auf und läuft zu Eli, weil er meint, der alte Priester brauche seinen Dienst. Das geschieht dreimal hintereinander. Beim dritten Mal begreift Eli, dass der Junge nicht halluziniert, sondern dass es wohl Gott selber ist, der ihn anruft. So gibt er Samuel den Rat, auf die nächtliche Stimme zu antworten: „Rede, Herr, Dein Diener hört!“ Ergänzende Überlegungen Was an dieser Vision auffällt (und wert ist, bedacht zu werden), ist der Umstand, dass Samuel die Stimme Gottes von der seines menschlichen Herrn und Meisters zunächst nicht unterscheiden kann. Erst als Eli ihn anleitet, die Sphäre der Alltagswelt zu übersteigen, wird Samuel fähig, das „Wort des Herrn“ zu vernehmen. – Es sei uns gestattet, diesen Vorgang zu verallgemeinern und aus ihm so etwas wie eine zeitlos gültige Regel abzuleiten. Es ist bis heute für einen Frommen schwer, herauszufinden, was Gott von ihm erwartet, welche Weisungen er ihm Blick vom Grabungshügel Schilo zur Siedlung Eli, im Tal schlängelt sich die Straße Nr. 60 von Jerusalem hinauf nach Nablus
3/2026 9 zukommen lassen will. Die Stimmen, die zu mir reden und mich zu beeinflussen suchen, mögen alle wie menschliche Stimmen klingen, und doch kann eine von ihnen Gottes Stimme sein. – So ist es für mich als aufmerksamen Christen noch heute ratsam, das zu tun, was Samuel getan hat: Dass ich mir bei der Suche nach Gottes Weisung von einem erfahrenen Mitmenschen helfen lasse; dass ich mir beibringen lasse, mit welcher Haltung und mit welchem Gebet auf den Lippen ich mich dem Göttlichen nähern muss, damit es immer klarer zu mir spricht und mir Einsichten gewährt, die mir selbst und vielleicht noch vielen anderen zum Heil sind. – „Rede, Herr, dein Diener hört!“ Uns allen ist aufgetragen so zu denken und zu beten. Und uns allen ist verheißen, dass wir zu rechten Zeit Gottes Zuspruch vernehmen dürfen. Eine Unheilsbotschaft Die göttliche Botschaft, die Samuel mit Hilfe Elis schließlich verstand, war für das „Haus Eli“ alles andere als erfreulich. Gott teilte Samuel mit, dass er in Kürze seiner Drohungen wahrmachen und Elis Familie vernichten werde. Dabei wurde auch Eli schuldig gesprochen, „weil er wusste, wie seine Söhne Gott lästern und er ihnen nicht Einhalt gebot“ (1 Sam 3,13). Und um keine falsche Hoffnung aufkommen zu lassen, fügte Gott hinzu: „Die Frevel, die hier geschehen sind, können durch Opfer und Gaben in Ewigkeit nicht gesühnt werden.“ – Eli war natürlich gespannt auf die nächtlichen Erlebnisse Samuels und setzte diesen am Morgen heftig unter Druck: „Gott möge Dir dieses und jenes antun, wenn Du mir etwas verheimlichst!“ Da teilte ihm Samuel die ganze unheilvolle Wahrheit mit. Die Lade-Erzählung Wir haben schon früher darauf hingewiesen, dass die biblischen Bücher in der Regel Sammelwerke sind, die vielfältiges Material vereinen, das von späteren Redakteuren nach bestimmten theologischen Gesichtspunkten zusammengestellt Samuel Samuel Heiligtum Kirjat-Jearim, wenige Kilometer westlich von Jerusalem an der Autobahn Nr. 1
10 3/2026 IM LAND DES HERRN wurde. – In die Samuel-Überlieferung ist nun eine Erzählung über die Bundeslade eingeschoben, in der Samuel keine Rolle spielt, die aber genau das berichtet, was uns hier interessiert: der Untergang des Hauses Eli. – Als die Israeliten in einem Krieg gegen die Philister die Bundeslade als „Schutz-Heiligtum“ mit in die Schlacht nahmen, erlitten sie wider Erwarten eine Niederlage. Die Lade wurde von den Feinden erbeutet und die Priester-Söhne Hofni und Pinhas fanden den Tod. Als man dem alten Eli diese Schreckensnachricht überbrachte, fiel er rückwärts vom Stuhl und brach sich das Genick. – Da die Philister wegen des Raubes der Lade mit allerlei Plagen gestraft wurden, gaben sie das unheimliche Heiligtum mit reichen Votivgaben wieder an die Israeliten zurück. Diese stellten es an einem Ort namens Kirjat-Jearim auf (weil das alte Heiligtum von Schilo offenbar nicht mehr bestand). Der Wander-Richter Samuel übte das Richteramt aus, indem er an verschiedenen Orten auftrat und anstehende Fälle löste. Er war in Israel eine Respektsperson, der es oft gelang, zwischen zerstrittenen Parteien Frieden zu stiften. Wenn er eine „Dienstreise“ beendet hatte, zog er sich nach Rama in sein Haus zurück, um auch hier als Richter und Vermittler tätig zu sein. Dabei fühlte sich Samuel immer als Anwalt des göttlichen Willens, was u.a. daraus hervorgeht, dass er bevorzugt an heiligen Stätten (Wallfahrtsorten) wirkte und auch an seinem Wohnort für Jahwe einen Altar errichtete. Ein zweiter Mose Immer wieder wurde Israel von den Philistern bedrängt (nicht nur bei der eben genannten Episode von der geraubten Bundeslade), und Samuel deutete dieses Bedrängnis als Strafgericht Gottes für den Niedergang von Glauben und Sitte. Um hier etwas zu verändern, versammelte er eines Tages das Volk zu einer Bußfeier in Mizpa, brachte ein Sühnopfer dar und legte – wie es einst Mose getan hatte – kraft seines priesterlichen Amtes Fürbitte für seine sündigen Brüder und Schwestern ein. – Die Philister hatten von dieser Feier gehört und rückten mir ihren Kriegern zu einem Überfall heran. In dieser Not wurde Samuel zum „großen Beter“, der (wieder als „zweiter Mose“) den allmächtigen Gott bewegen konnte, durch ein wunderbares Eingreifen die Feinde zu demütigen. Gott ließ ein furchtbares Unwetter über die Philister hereinbrechen, so dass sie in Panik gerieten und von Israel vernichtend geschlagen werden konnten. Zur Erinnerung an diesen Sieg stellte Samuel einen Gedenkstein auf, den er „Stein der Hilfe“ nannte. Und solange Samuel lebte, wagten es die Philister nicht mehr, in das Gebiet der Juden einzufallen. Ungeratene Söhne Als Samuel alt war, musste er eine ähnlich bittere Erfahrung machen wie sein ehemaliger Lehrer und „geistlicher Vater“ Eli. Wie Eli hatte Samuel zwei Söhne, Joel und Abija, und er setzte sie an einem prominenten Heiligtum, in Beerscheba, als Hilfsrichter ein. Leider hatten die jungen Männer nicht die Frömmigkeit und Redlichkeit ihres allseits geachteten Vaters geerbt. Sie ließen sich bestechen und beugten das Recht. Und genau dieser Umstand löste eine Entwicklung aus, die den Übergang in eine neue Zeit bedeuSteinaltar mit den markanten Hörnern auf dem Tell Beersheba, Original im Israel-Museum Jerusalem
3/2026 11 tete. – Die Ältesten Israels, die klar erkannten, dass man mit ungeratenen jungen Richtern keine gesegnete Zukunft haben würde, traten eines Tages an Samuel mit der Bitte heran: „Setze einen König bei uns ein, der uns regieren soll, wie es bei allen Völkern der Fall ist!“ (1 Sam 8,5). Die Einführung des Königtums Ohne dass wir hier auf Einzelheiten eingehen wollen, die letztlich nur für Fachleute interessant sind, müssen wir uns doch (wieder einmal!) klarmachen: Die uns vorliegenden Erzählungen über die Entstehung des Königtums in Israel sind keine zeitgenössischen, geschichtlich zuverlässigen Berichte, sondern teils sagenhafte, teils theologisch „frisierte“ Überlieferungen, die von späteren Autoren benutzt wurden, um Wesen und Wert des Königtums zu diskutieren. Man kann beobachten, dass die biblischen Schriftsteller teils positiv, teils negativ vom Königtum sprechen, und man hat deshalb in unserer Frage zwei Gruppen von Überlieferungen unterschieden: königsfreundliche und königsfeindliche Texte. – Dabei gilt grundsätzlich: je später einer über das Königtum schreibt, desto kritischer ist er (weil er die zahlreichen schlechten Erfahrungen kennt, die das Volk leider mit despotischen Königen machen musste). – Aber trotz aller Bedenken und Einwände wurde die Errichtung des Königtums schließlich nicht nur akzeptiert, sondern mit dem Willen Gottes in Einklang gebracht, d. h. man war überzeugt, dass Gott letztlich ja zu den Königen seines Volkes gesagt hatte. – Einig sind sich dabei alle Autoren in der Beurteilung Samuels: Er spielt die entscheidende Rolle bei der Begründung des Königtums in Israel, er ist der klassische Königsmacher. Zurücksetzung Jahwes Nach einer königskritischen Darstellung missfiel Samuel der von Ältesten geäußerte Wunsch nach einem König, weil er darin spontan eine Zurücksetzung seiner eigenen Person sah. Als er sich betend mit Gott über die Angelegenheit besprach, wurde ihm mitgeteilt, dass sich dieses Verlangen nicht gegen ihn, sondern gegen Jahwe richte, dessen Königtum man längst ablehne, wie die dauernde Neigung zum Götzendienst beweise. Dennoch möge Samuel der Bitte des Volks entsprechen, aber nicht ohne zuvor eindringlich vor den Rechten und Ansprüchen des Königs gewarnt zu haben. So stellte Samuel den Israeliten den Frondienst, den Kriegsdienst und die Steuerlasten vor Augen, die mit jedem Königtum gegeben waren. Aber das Volk blieb hartnäckig: „Nein, ein König soll über uns herrschen. Auch wir wollen wie die anderen Völker sein!“ (1 Sam 19). Gott ließ dem uneinsichtigen Volk seinen Willen und sagte noch einmal zu Samuel: Höre auf sie „und setz ihnen einen König ein“ (1 Sam 8,22). Erwählung des Saul Der erste König Israels war der junge Saul, Sohn eines gewissen Kisch aus dem Stamm Benjamin. Über seine Erwählung gibt es verschiedenen TraSamuel Samuel König Saul, lutherische Erlöserkirche München
12 3/2026 IM LAND DES HERRN ditionen. – Die erste schließt sich an den eben erwähnten Gottesspruch an: „Setze ihnen einen König ein!“ Bald nachdem Gott so zu Samuel gesprochen hat, trifft dieser wie zufällig auf Saul, der seine entlaufenen Eselinnen sucht, und salbt ihn im Auftrag Gottes zum König (1 Sam 9,1 ff.). – Neben dieser königsfreundlichen Episode gibt es einen königskritischen Bericht, wonach Samuel das Volk in Mizpa zusammenruft und ihm den Vorwurf macht, „Gott verworfen und einen König verlangt zu haben“. Bei dieser Gelegenheit lässt Samuel durch das Los ermitteln, wer König in Israel sein solle, und das Los fällt auf Saul, dem sofort alle freudig huldigen (1 Sam 10,24). – Nach einer dritten Überlieferung wird Saul nach einem glänzenden Sieg über die Ammoniter zum König erhoben. Da aber Saul nach den Texten, wie sie uns heute in der Bibel vorliegen, schon König war, hat ein späterer Redakteur geschrieben: Saul wurde damals in der Stadt Gilgal als König „bestätigt“, sein Königtum, das sich im Kampf bewährt hatte, wurde „erneuert“ (vgl. 1 Sam 11,14 f.). Das Zerwürfnis Für jüdische Theologen richtete sich die „Qualität“ eines Königs nicht in erster Linie nach seiner Tüchtigkeit im Krieg oder in der Verwaltung, sondern nach seiner Treue zum Gesetz Gottes. Leider verstieß der neue König Saul sehr bald gegen Gottes Gebot, weshalb im Samuel seine Verwerfung ankündigen musste. Der erste Anlass zu einem Zerwürfnis war ein Bittopfer vor einer Schlacht gegen die Philister, das Saul eigenmächtig darbrachte, weil Samuel sein Kommen um sieben Tage verzögerte. Saul fürchtete, seine Leute würden den Mut verlieren und davonlaufen, deshalb maßte er sich priesterliche Funktionen an. Samuel aber nahm ihm das sehr übel. – Den endgültigen Bruch zwischen Samuel und Saul brachte dann eine Strafexpedition gegen die Amalekiter (gegen die schon Josua beim Zug durch die Wüste gekämpft hatte, wobei Mose auf einem Berg betend die Arme erhoben hielt). – Im Auftrag Gottes musste Samuel an Saul die Weisung ergehen lassen, den Krieg gegen Amalek als „Heiligen Krieg“ zu führen und die Amalekiter (als Widersacher Gottes) völlig zu vernichten, d. h. „dem Untergang zu weihen“. Saul gehorchte, ließ aber den feindlichen König als Kriegsgefangenen am Leben und verschonte auch die besten Schafe und Rinder der Feinde, teil zum Nutzen seiner Krieger, teils als mögliche Opfergaben zur Ehre Gottes. Der junge David spielt die Leier vor Saul (1Samuel 16 ff.), Glasfensterl in St. Kilian, Heilbronn
3/2026 13 Dadurch hatte er den „Krieg Jahwes“ nach den Grundsätzen normaler, menschlicher Kriege geführt und das galt als eine „Entweihung des Heiligen“. – Auch wenn wir nicht mehr nachvollziehen können, was hinter solchem Denken steht und uns die „Heiligkeit“ eines Gottes, der solche „Heiligen Kriege“ anordnet, zutiefst erschreckt: im Rahmen des damaligen Gottes- und Weltbildes (auch nichtjüdische Völker kannten diese Art der Kriegsführung!) hatte Saul einen Frevel begangen, der absolut unverzeihlich war. – Nach seinen eigenen Worten „reute es Gott, Saul zum König gemacht zu haben“, weil Saul Gottes Befehle nicht korrekt ausgeführt hatte. Samuel, der Saul mochte, war über Gottes Zorn zutiefst betroffen. Er schrie die ganze Nacht zu ihm, um Sauls Verwerfung abzuwenden. Doch am nächsten Tag musste er ihm die bitteren Worte sagen: „Gehorsam ist besser als Opfer. Widerspenstigkeit ist ebenso schlimm wie Götzendienst. Weil du das Wort des Herrn missachtet hast, verwirft dich Gott als König!“ (vgl. 1 Sam 15,22 f.). – Saul, der zu jeder Art der Buße bereit war, hatte vor Gott keine Chance mehr. – Von nun an trennten sich die Weg Samuels und Sauls. Zeit seines Lebens sah Samuel seinen Günstling Saul nie wieder. In seinem Herzen aber war er tief betrübt darüber, dass Gott den ersten König Israels verworfen hatte. Die Salbung Davids Gott aber wollte den alten Samuel unbedingt aus seiner Trauer reißen. So befahl er ihm, nach Betlehem zu gehen und einen der Söhne Isais zum König zu salben. – Für einen Christen, der regelmäßig die Sonntagsmesse besucht, gehört die Geschichte dieser Salbung zu den geläufigen liturgischen Texten (vgl. 4. Fastensonntag, Lesejahr A, 1. Lesung). Der geschilderte Vorgang ist anschaulich und einprägsam, denn er bestätigt eine Überzeugung, die es in vielen Volkserzählungen gibt: Der Kleine, der Jüngste, der Unscheinbare, mit dem niemand gerechnet hat, ist der Erwählte. – Der Mensch schätzt in der Regel das Prächtige, das Stattliche. Und so urteilt auch Samuel zunächst, als er den erstgeborenen Isai-Sohn Eliab vor sich sieht: Dieser kräftige und tüchtige junge Mann muss es sein. Ihn werde ich jetzt zum König salben. Aber eine innere Stimme (die Stimme Gottes) wehrt ab: Er ist es nicht! Und siebenmal hintereinander muss Samuel die gleiche Erfahrung machen, die der Erzähler in den Satz kleidet: „Gott sieht nicht auf das, worauf der Mensch sieht. Der Mensch sieht, was vor den Augen ist, Gott aber sieht das Herz“ (1 Sam 16,7). „Was vor den Augen ist“, pflegen wir den Augenschein zu nennen, und wir sagen von ihm, dass er trügen kann. Was sich im Herzen eines Menschen verbirgt und was man nur wieder mit den Augen des Herzens wahrnehmen kann, das ist das Wesen, der eigentliche Wert einer Person. Und nur dieser zählt vor Gott. – In unserem Fall ist es David, der Jüngste, den man gar nicht David als der im Text beschriebene kräftige junge Mann, Bronze-Replik der Figur des Künstlers Verrocchio, Geschenk der Stadt Florenz, Davidszitadelle Jerusalem (im Hintergrund der Turm der Kirche St. Salvator) Samuel Samuel
IM LAND DES HERRN 14 3/2026 in Betracht gezogen hat, den Samuel im Auftrag Gottes als künftigen König erkennt und salbt. Er ist (wie Samuel) ein unbewusster Vorläufer Jesu Christi, der sich selbst erniedrigt und seine Jünger belehrt hat: „Wer unter euch der erste sein will, soll der Letzte von allen und der Diener aller sein“ (Mk 9,35). Für den jungen David begann mit diesem Tag ein zunächst unauffälliger, aber stetig fortschreitender Aufstieg, während Saul, der immer noch die Regierungsgeschäfte führte, zunehmend in Schwermut und Verfolgungswahn versank. Eine düstere letzte Begegnung Nach der Episode von Betlehem trat Samuel nicht mehr öffentlich in Erscheinung. Schließlich starb er in seinem Haus in Rama, wo er auch begraben wurde. Ganz Israel hielt um ihn die Totenklage. Dies aber ist nicht die letzte Nachricht, die wir über den großen Priester und Richter Samuel haben. Bevor wir uns endgültig von ihm verabschieden, wird uns noch ein unheimliches Schlussbild geboten, das in jenseitige Sphären hinüberreicht. – In der Nacht vor jenem Kampf gegen die Philister, in dem er den Tod finden sollte, suchte Saul eine Totenbeschwörerin auf, um mit Hilfe von Praktiken, die in Israel strengstens verboten waren, den Geist Samuels herbeizurufen und zu befragen. Samuel stieg als alter Mann, der in einen Mantel gehüllt war, aus der Unterwelt heraus. Er machte Saul Vorwürfe, dass er seine Ruhe gestört habe. Saul verteidigte sich: er brauche dringend Rat, und er habe niemand, da Gott schon lange nicht mehr mit ihm spreche. – Samuel aber konnte ihn nicht beruhigen oder trösten. Er erinnerte nur noch einmal daran, dass Gottes Gunst von Saul gewichen sei und sein Königtum an David übergehen werde. Gott werde Saul an die Philister ausliefern. – Seine letzten Worte waren: „Morgen wirst du samt deinen Söhnen bei mir sein, auch das Heer Israels wird in die Gewalt der Philister fallen“ (1 Sam 28,19). – Damit zog sich Samuel endgültig von der Welt zurück. Saul aber sank kraftlos und verzweifelt zu Boden. Grab Samuels (Nabi Samuil) Darstellung König Davids auf Golgota (Grabeskirche Jerusalem)
3/2026 15 as muslimische und jüdische Heiligtum Nabi Samuil (arab.)/Nevi Samuel (hebr.), „Prophet Samuel“, erhaben auf einem Berg (890 m ü. d. M., siehe hinteres Umschlagbild) 8 km nordwestlich von Jerusalem gelegen, verehrt das Grab des biblischen Propheten Samuel. Die antiken schriftlichen Quellen über seine Grabstätte geben kein klares Bild über die Lokalisierung dieses Grabes. Die archäologischen Untersuchungen des Ortes vermehren sogar die Unklarheiten anstatt sie zu lösen. Samuel starb und ganz Israel versammelte sich und hielt für ihn die Totenklage. Man begrub ihn in seinem Haus in Rama (1 Sam 25,1). Schon diese biblische Angabe ist zweideutig: Handelt es sich dabei um Rama/Ramatajim in Efraim, die Heimat des Propheten (1 Sam 1,1; vgl. S. 283), oder um Rama in Benjamin (siehe S. 304)? Für letzteres spricht Samuels Begegnung mit dem Benjaminiter Saul, den er zum König salbte (1 Sam 9–10). Aus byzantinischen Chroniken wissen wir von einer Überführung der Reliquien Samuels nach Konstantinopel im Jahr 406 n. Chr., wobei der Ausgangspunkt nicht klar ist. Prokopius von Cäsarea (Mitte des 6. Jahrhunderts) erwähnt ein Kloster St. Samuel, dessen Lage aber ebenfalls unklar ist. Der jüdische Pilger Benjamin von Tudela (1171) berichtet von einer weiteren Übertragung der Reliquien: Die Kreuzfahrer hätNabi Samuil Heinrich Fürst OFM/Gregor Geiger OFM D Übersicht der Anlage © wicicommons-Avraham Graicer
16 3/2026 IM LAND DES HERRN ten sie aus Samuels Heimat Rama in die hiesige Samuelsbasilika gebracht. Seitdem ist die Identifizierung des Ortes mit dem Grab Samuels Allgemeingut bei Juden, Christen und Muslimen. Die Archäologie ergibt folgendes Bild: Aus der alttestamentlichen Zeit (Eisenzeit) gibt es vereinzelte Funde, allerdings keine Gebäude, sondern nur Kleinfunde im Füllmaterial der späteren Überbauung. In hellenistischer Zeit (2. Jahrhundert v. Chr.) wurde hier ein Dorf errichtet, das im folgenden Jahrhundert wieder aufgegeben wurde. Viele seiner Häuser sind gut erhalten, man hat sie beim Betreten des Ausgrabungsgeländes links vor sich. Aus der byzantinischen Zeit gibt es nur spärliche Funde. Es fehlt jede Spur einer Kirche oder eines Klosters, entweder weil es diese hier nie gegeben hat oder weil sie ganz unter den Kreuzfahrerbauten verschwunden sind. Die meisten der heute sichtbaren Gebäude und Ruinen stammen aus der Kreuzfahrerzeit. Die Kreuzfahrer nannten den Berg Mons Gaudii, „Freuden-Berg“, weil sie von hier aus zum ersten Mal Jerusalem erblickten. 1157 errichteten Prämonstratenser eine Kirche mit Krypta,die dem Propheten Samuel geweiht war. Ob das Grabmahl in der Krypta tatsächlich auf die Kreuzfahrerzeit zurückgeht, ist unklar. Die Befestigungsmauer, die den Kirchenkomplex umgab, ist noch gut zu erkennen. Um sie herum war ein Burggraben angelegt, der gleichzeitig als Steinbruch diente. An der Westseite des Komplexes – hier war ursprünglich der Eingang der Kirche – ist die Steinbruchtätigkeit noch gut zu erkennen, da sie hier nicht vollendet wurde. Nördlich der Kirche ist der Graben zu einem Platz geweitet, auf dessen gegenüberliegender Seite noch Ställe und Pilgerunterkünfte zu erkennen sind. 1730 wurde in den Ruinen der Kreuzfahrerkirche eine Moschee errichtet. Diese wurde während des Ersten Weltkriegs schwer beschädigt und in den folgenden Jahren in der heutigen Gestalt wieder aufgebaut. Aus dieser Zeit stammen auch die jüngsten Ruinen, die zum Dorf Nabi Samuil gehörten – geht man vom Eingangsbereich des Ausgrabungsgeländes in Richtung Kirche/ Moschee, hat man sie zur Rechten. Ein Teil des Häuserstrukturen der hellenistischen Zeit Kreuzfahrerzeitliche Kapitelle an der Außenmauer des Gebäudes Überreste der Ställe
3/2026 17 arabischen Dorfes (220 Einwohner) besteht bis heute (östlich der archäologischen Zone und des Heiligtums). Nachdem 1967 diese Gegend israelisch besetzt wurde, wurde die Krypta in eine Synagoge umgestaltet, der Zugang muslimischer Beter zur Moschee eingeschränkt. Manche der jüdischen Beter, die in den letzten Jahren vermehrt diesen Ort aufsuchen, sehen den Besuch der heiligen Stätte durch Andersgläubige (auch christliche Pilger oder Touristen) ungern. Leider ist dieses eigentlich ökumenische Heiligtum ein Beispiel für das problematische Nebeneinander unterschiedlicher Religionen und Völker im Heiligen Land. Ist das Samuelsgrab mit zahlreichen Fragezeichen behaftet, so befindet man sich hier bei anderen biblischen Ereignissen auf sichererem Boden. In der Vergangenheit wurde für den Ort die Identifizierung mit dem biblischen Mizpa vorgeschlagen, was aufgrund der fehlenden Bebauung aus jener Zeit unwahrscheinlich ist. Dagegen darf man hier die Kulthöhe des nahen Gibeon annehmen, Schauplatz mehrerer biblischer Erzählungen. (Siehe wieder hinteres Umschlagbild: Aufnahme vom nahen Gibeon – heutiges arabisches Dorf El Gib – her, die Höhenlage ist erkennbar) Die grausige Episode 2 Sam 21,1–14 berichtet von der Hinrichtung von sieben Söhnen König Sauls. Rizpa, die Mutter zweier dieser Söhne, harrte monatelang bei deren Leichen aus und verscheuchte Raubtiere, bevor König David sie bestatten ließ. Positiver ist eine weitere biblische Erinnerung, die berühmte Bitte König Salomos um Weisheit: Salomo, der Sohn Davids, gewann Macht in seinem Königtum, der HERR, sein Gott, war mit ihm und ließ ihn überaus stark werden. Er sprach mit Nabi Samuil Nabi Samuil Gebet von Moslems und Juden in abgetrennten Räumen am Grab Samuels Einwohner des arabischen Dorfes nach dem Freitagsgebet in der Moschee
18 3/2026 ganz Israel, den Obersten der Tausend- und Hundertschaften, den Richtern, mit allen Fürsten aus ganz Israel und mit den Häuptern der Großfamilien. Dann ging er mit der ganzen Versammlung, die bei ihm war, zur Kulthöhe von Gibeon; denn hier war das Offenbarungszelt Gottes, das Mose, der Knecht des HERRN, in der Wüste angefertigt hatte. Die Lade Gottes jedoch hatte David aus Kirjat-Jearim an den Ort bringen lassen, den er für sie hergerichtet hatte. Er hatte nämlich in Jerusalem ein Zelt für sie aufgestellt. Der bronzene Altar, den Bezalel, der Sohn Uris und Enkel Hurs, gemacht hatte, stand in Gibeon vor der Wohnung des HERRN. Ihn suchten Salomo und die ganze Versammlung Israels auf. Salomo stieg dort auf den bronzenen Altar vor dem HERRN beim Offenbarungszelt und brachte auf ihm tausend Brandopfer dar. In jener Nacht erschien Gott dem Salomo und forderte ihn auf: Sprich eine Bitte aus, die ich dir gewähren soll! Salomo antwortete Gott: Du hast meinem Vater David große Huld erwiesen und mich an seiner Stelle zum König gemacht. So möge sich nun, mein Herr und GOTT, dein Wort an meinen Vater David als wahr erweisen; denn du hast mich zum König gemacht über ein Volk, das zahlreich ist wie der Staub der Erde. Verleih mir daher Weisheit und Einsicht, damit ich weiß, wie ich mich vor diesem Volk verhalten soll! Denn wer könnte sonst dieses mächtige Volk regieren? Gott antwortete Salomo: Weil dir das am Herzen liegt, weil du nicht um Reichtum, Vermögen, Ehre oder um den Tod deiner Feinde, auch nicht um langes Leben gebeten hast, sondern weil du um Weisheit und Einsicht gebeten hast, um mein Volk zu regieren, zu dessen König ich dich bestellt habe, sollen dir Weisheit und Einsicht zuteilwerden. Aber auch Reichtum, Vermögen und Ehre will ich dir geben, wie sie kein König vor dir erlangt hat und auch nach dir keiner haben wird. Da kam Salomo von der Kulthöhe in Gibeon, vom Offenbarungszelt, nach Jerusalem und herrschte über Israel. (2 Chr 1,1–13) Darstellung König David („David autem genuit salomon“ – „David zeugte Salomon) verkürzt nach Matth. 1,6, Vulgata), Deckengewölbe Maria Saal, Kärnten IM LAND DES HERRN
3/2026 19 Der Heilige Engelbert Kolland – Orte seiner Verehrung Geburtshaus und Haus seiner Familie Petrus Schüler OFM m 15. August 2026 wurde in Zell im Zillertal das Engelbert-Kolland-Museum eröffnet und gleichzeitig wird ein Engelbert-Jahr ausgerufen, welches am 21. September 2027 enden wird – am 200. Geburtstag des Heiligen. In unserer Zeitschrift wollen wir diese Gelegenheit nutzen, dem Leben des Heiligen nachzuspüren. Nicht jeder Leser hat die Geduld und das Interesse, ein ganzes Buch zu lesen, um eine Vorstellung von seinem Leben zu haben. Darum wollen wir in Bildern und kurzen Texten den Lesern die Möglichkeit geben, dieses bemerkenswerte Leben nachzuverfolgen. Engelbert Kolland – wurde am 21. September 1827 in Ramsau im Zillertal geboren und gleich am nächsten Tag in der Pfarrkirche Zell auf den Namen Michael getauft. Sein Geburtshaus, genannt das „Lochhäusl“, ist nach wie vor erhalten und bewohnt. Jedes Jahr, wenn am „Engelbert-Kolland-Sonntag“ nach dem Hochamt die A Geburtshaus des Heiligen in Ramsau
20 3/2026 Prozession durch Dorf und Flur Ramsau zieht, ist vor dem Geburtshaus der zweite Altar aufgebaut. Die Familie Kolland-Sporer wohnte hier zur Miete. Mit deren Wegzug in die Steiermark endet auch die „Kolland-Geschichte“ des Anwesens. Es soll angefügt werden, was ein Franziskaner im Jahre 1879 über die Menschen der Gegend sagt, denn es trifft auch sehr gut den späteren Heiligen: „… Die Oberzillerthaler sind ein schöner, hoher, kräftiger Menschenschlag, arbeitsam, ausdauernd bis ins hohe Greißenalter, geistig sehr begabt. Der Bauer weiß seine Gründe wohl zu bewirthschaften, der Knabe, der in die Stadt fortzieht zum Studiren, glänzt häufig durch seine Talente; zahlreiche Bewohner müssen in die Fremde gehen, um bei dem nichts ausreichenden Erträgniß des Bodens ihren Unterhalt anderswo zu suchen. Die Einen gehen jeden Winter über die Gerlos nach Pinzgau, Pongau, Lungau nach OberSteiermark, um sich in Holzarbeiten ihr Brod zu verdienen …“ Doch noch ein zweites Haus kann mit Recht als Familienhaus der Kollands bezeichnet werden, um dieses Haus soll es in diesem Beitrag vorrangig gehen. Schon seit Generationen hing die Familie Kolland der protestantischen Bewegung an, die im Zillertal sehr verbreitet war und zusätzlich noch durch Wanderarbeiter begünstigt wurde. Es gab vorwiegend im hinteren Zillertal heftige Konflikte, auch Störungen von religiösen Veranstaltungen und auch Auseinandersetzungen innerhalb von Familien. Der neue Fürsterzbischof Friedrich von Schwarzenberg besuchte kurz nach seinem Amtsantritt einige Familien, um sie wieder für die Kirche zu gewinnen, u. a. auch die Kollands. Die „Inklinanten“ (von lateinisch „Inclinare“ – „hinneigen“, weil sie zum Protestantismus „hinneigten“) wurden in Tirol nicht mehr geduldet und mussten sich durch eine politische Anordnung entscheiden, entweder in die Kirche zurückzukehren oder auszuwandern. Im Jahre 1837 verließen IM LAND DES HERRN Tafel der Auswanderer in der Mitte des Dorfes
3/2026 21 Engelbert Kolland Engelbert Kolland 427 Zillertaler ihre Heimat, davon etwa 100 aus dem Dorf Ramsau. Die meisten gingen nach Preussen (Schlesien). Im Zentrum des Ortes wird mit einem Gedenkstein an das Schicksal aller dieser Vertriebenen erinnert. Die Familie Kolland entschied sich, in die Steiermark auszuwandern und damit das Lochhäusl für immer zu verlassen. Sie ließen sich in Rachau bei Knittelfeld nieder, wo sie zumeist im „Suppigut“ wohnten. Bei der Auswanderung besuchte Kajetan Kolland den Fürsterzbischof Schwarzenberg in Salzburg, der in der Folge die beiden Kollandbuben Florian und Michael, die in Ramsau geblieben waren und einer frommen Frau Namens Garber Moidl anvertraut worden waren, beim Studium unterstützte und in die Wohngemeinschaft, der Vorstufe des späteren Knabenseminars, aufnahm. Kajetan und Maria Kolland traten bereits ein Jahr nach der Auswanderung wieder in die Kirche ein, blieben aber in der Steiermark. Der Schulbetrieb machte dem kleinen Zillertaler große Schwierigkeiten, so sehr, dass er mehrmals das Studium unterbrach und auch aus disziplinären Gründen hinausgeworfen wurde. Bei der letzten Studienunterbrechung ging Michael 1845 nach Rachau und verbrachte dort einige Monate bei den Eltern mit Holzarbeit bis er sich entschloss, wieder ins Studium einzusteigen. Das Suppigut, das bis in die 70er-Jahre des 20. Jahrhunderts bewohnt und mehr oder weniger dem Verfall preisgegeben war, wurde 2009 durch den rührigen Pfarrer von Zell am Ziller, Dekan Ignaz Steinwender und Baumeister Martin Luxner erworben. Im Jahre 2019 wurde das Haus in nur zwei Wochen von Markus Emberger mit drei Zimmerern der Firma Binder Balken für Balken, Brett für Brett abgetragen, wobei über 400 Teile markiert wurden. Zufällig am 10. Juli 2019, am Gedenktag des heiligen Engelbert, wurde das Haus mit einem Sattelschlepper nach Zell am Ziller transferiert. Mit Baumeister Hansjörg Egger, der die baulichen Voraussetzungen schuf und unter Bauleitung von Simon Ender wurde das Haus dann von Markus Emberger und den drei Eröffnung des Engelbert-Kolland Museums im umgesetzten Haus der Familie
22 3/2026 Zimmerern in gut zwei Wochen errichtet, eine wahre Meisterleistung. Wer die Geschichte dieses Holzbohlenhauses nicht kennt, könnte meinen, dass dieses Haus schon immer hier gestanden hätte, so gut fügt es sich in die Umgebung ein. In der Folge wurden dann nach und nach vier Räume unter fachlicher Begleitung eingerichtet. Im Untergeschoss des Hauses wurde eine Kapelle für die 2015 im Altenwohnheim begonnene ewige Anbetung eingerichtet. Schon über zehn Jahre wird in der Pfarre Zell am Ziller an allen Tagen der Woche rund um die Uhr, Tag und Nacht, das Allerheiligste angebetet. Dekan Steinwender sagt dazu: „Es sind ca. 200 Personen mit einer fixen Verpflichtung (die meisten eine Stunde wöchentlich) dabei, sie sind zwischen 18 und 97 Jahre alt, bunt gemischt, Männer und Frauen, Intellektuelle und einfache Handwerker … Drei Viertel davon sind aus der Pfarre Zell am Ziller, die anderen aus anderen Zillertaler Pfarreien, sowie einige vom Inntal. Wir sind überzeugt, dass unser heiliger Engelbert am Zustandekommen des ,Wunders der ewigen Anbetung‘ mitgeholfen hat und dass die Anbeter auch beteiligt waren am wunderbaren Zustandekommen der Heiligsprechung von Engelbert Kolland.“ Im gegenüberliegenden Raum des Erdgeschosses gibt es eine kleine Ausstellung zum Leben des Heiligen. Im Obergeschoss des Hauses gibt es noch eine Ausstellung zur Zillertaler Kirchengeschichte, wo vier aus dem Zillertal stammende Bischöfe und acht aus Zell stammende Geistliche portraitiert werden und einen Raum, der der Darstellung der Engelbertverehrung gewidmet ist. So wurde aus dem ehemaligen Wohnhaus der Eltern des Heiligen Engelbert ein Engelbertmuseum, das Haus eines Heiligen und des Allerheiligsten, das Tag und Nacht zugänglich ist, ein heiliger Ort, eine Quelle des Segens. Am Fest Maria Himmelfahrt 2026 wurde das „Engelbert-Kolland-Museum“ offiziell eröffnet und ein „Engelbert-Kolland-Jahr“ ausgerufen, von dem wir auch hier in unserer Zeitschrift berichten werden. Verwendete Literatur: Seeböck, P. Philibert: Engelbert Kolland, Innsbruck 1879. IM LAND DES HERRN Kapelle im Kolland-Haus
3/2026 23 Das Heilige Grab zu Lerschach bei Toblach und die Heiliggrabkapelle in Wiesen bei Sterzing (Südtirol) Petrus Schüler OFM n den vorausgegangenen Artikeln zum Thema der Heiligen Gräber im deutschsprachigen Raum haben wir oft den Palästinaforscher Gustaf Dalman (1855–1941) zitiert, der mit einem bemerkenswerten Fleiß in seinem Buch „Das Grab Christi in Deutschland“ (Leipzig 1922) die Nachbildungen des Grabes Christi behandelt. Dafür bereiste Dalman in den Jahren 1915 bis 1917 das damalige Deutschland und schuf damit eine grundlegende und bis heute gültige Aufstellung dieser Bauten. Ähnlich akribisch wie Dalman beschäftigte sich der Südtiroler Augustiner-Chorherr Erwin Adalbert Steinmair aus dem Kloster Neustift bei Brixen (1934–1995) in seinem Buch „Heiliggrab-Denkmäler in Südtirol“ den Nachbauten des Jerusalemer Grabes in seiner Heimat. Alle diese Anlagen haben wir in den letzten Jahren in unserer Zeitschrift vorgestellt: das „Außerkirchl“ in Innichen, den Kalvarienberg mit dem Heiligen Grab oberhalb von Bozen und das Heilige Grab in Spinges. In dieser Aufzählung fehlten bis jetzt das Heilige Grab zu Lerschach bei Toblach und die Heiliggrab-Kapelle in Wiesen bei Sterzing. Letztere fällt etwas aus dem Rahmen, weil hier nicht die Aedicola (Jerusalemer Grabbau) nachgebaut worden ist. Beginnen wir zunächst mit der Anlage von Toblach. Der Kreuzweg von Toblach zur Kapelle Dieser Kreuzweg ist der älteste im gesamten Tirol (!), hat fünf Stationen und nimmt seinen Anfang bei der Pfarrkirche des Ortes. Auf einer I Erste Station des Kreuzweges
IM LAND DES HERRN 24 3/2026 Strecke, die den Entfernungen von Jerusalem entsprechen soll, sind in offenen Kapellen durch Michael Parth aus Bruneck im Jahr 1519 die folgenden Szenen der Passion Christi in volkstümlicher Weise dargestellt: Erste Kapelle: Jesus vor Pilatus Zweite Kapelle: Jesus begegnet seiner Mutter, Veronika und Simon von Kyrene, der ihm das Kreuz tragen hilft Dritte Kapelle: Jesus fällt unter der Last des Kreuzes Vierte Kapelle: Jesu letzte Rast auf dem Leidensweg, Jesus wird seiner Kleider beraubt, Vorbereitung der Kreuzigung Fünfte Kapelle: Kreuzigung Der Kreuzweg folgt der „Maximilianstraße“, denn Kaiser Maximilian I. (1459–1519) ist eng mit der Geschichte von Kreuzweg und Kapelle verbunden: 1508 wollte er durch das damals venezianische Gebiet nach Rom ziehen, um dort zum Kaiser gekrönt zu werden, jedoch verwehrte ihm die Republik Venedig den Durchzug. Die nachfolgenden, langen Kampfhandlungen waren für den Kaiser eine große Herausforderung. Maximilian wurde der Initiator des Kapellenbaus, hauptsächlich aus Dank für die damit verbundene Erstürmung der Burg Peutelstein. Der Kaiser erlebte die Errichtung des Kreuzweges nicht mehr. Heilig-Grab-Kapelle Die Rundkapelle liegt auf einem länglichen Hügel östlich des Ortes und ist in Südtirol die älteste Nachahmung der Jerusalemer Grabkapelle. Diese befindet sich aber nicht im Zentrum des Rundbaus, sondern im linken, nördlichen Bereich und lässt so den Blick auf den Altar im Osten frei. Wie in Jerusalem, kann der Bau auch hier von Osten betreten werden. Eine Engelskapelle fehlt hier – wohl aus Platzgründen, denn die Seiten des quadratischen Raumes sind weniger als zwei Meter lang. Wie in Jerusalem ist die (hölzerne) Grabbank im rechten Bereich des Raumes und ist mit einer Christus-Figur versehen. Schon 1899 bemerkte ein Chronist an: Äußeres der Kapelle
3/2026 25 „Alles, selbst das Türmchen, ist aus solidem Stein- und Mauerwerk ausgeführt, so daß man sich wundern muß, warum nicht auch die Liegestätte des Herrn, wenn schon nicht aus Stein ausgeführt, ähnlich der Felsenbank im Original zu Jerusalem, wenigstens doch gemauert wurde“ (Steinmair, S. 236). Der Rundbau verfügt über eine reich verzierte Decke mit Blumen, Ranken, Blüten und verschiedene Wappen von „Mitstiftern“. In den Zwickeln befinden sich Seccomalereien (1540), die in gewisser Weise den Kreuzweg fortsetzen: Kreuzabnahme, Christus in der Vorhölle, „Noli me tangere“, Beweinung, Begegnung in Emmaus, Christi Himmelfahrt und schließlich das Weltgericht. Die Weihe der Kapelle erfolgte nicht nach der Vollendung des Baues, denn in diesen Jahren war auch Tirol von Auswirkungen der Reformation erschüttert. Erst 1578 erfolgte die Weihe durch den Brixener Weihbischof Johannes Thomas, Freiherr von Spaur. Der derzeitige Bischof von Bozen-Brixen, Msgr. Ivo Muser, der zwei Jahre Kooperator (Kaplan) in Toblach war und öfter den Kreuzweg hinaus zur Heilig-Grab-Kapelle gegangen ist, schätzt diese Anlage und sagt selbst in einer Predigt: Mögen die fünf Stationen des „ältesten Kreuzwegs Tirols“ und das Verweilen in der LerschaHeilige Gräber Heilige Gräber Skizze der Kapelle Inneres der Kapelle
IM LAND DES HERRN 26 3/2026 cher Grabeskapelle vielen Menschen das Herz öffnen für die Herzmitte des christlichen Glaubens: für die Person Jesu und für seine Liebe zu uns. „Sie werden auf den schauen, den sie durchbohrt haben“ (Joh 19,37). Schauen wir auf ihn! Das alles ist geschehen für uns, für dich, für mich. Darauf gibt es nur eine Antwort: Unsere Dankbarkeit. Unsere Anbetung. Unsere Liebe. Unsere Freude, dass wir in IHM Heimat haben – jetzt und einmal für immer. * * * Die Heiliggrabkapelle in Wiesen bei Sterzing Am Weg von Sterzing nach Wiesen liegt, ähnlich wie in Toblach, links über der Straße auf einer kleinen Anhöhe der kleine achteckige Bau. Auf den ersten Blick ähnelt er der Kapelle in Toblach: auf einer kleinen Anhöhe und mit einem Zeltdach aus Holzschindeln. Etwa 400 Meter entfernt steht das Schloss Moos, welches eng mit der Geschichte der Kapelle verbunden ist. In einer Rechnung „der lobwirdigen Grab Christi Capella bei Mos“ wird als Weihetermin der 22. April 1681 genannt. Der Initiator des Baus war Daniel von Elzenbaum, „Pflegsverwalter von Sterzing“, der wenige Jahre später im Jahre 1690 verstarb und zu Ansicht der Kapelle Grabbank mit der Figur Christi
3/2026 27 dessen Andenken ein marmorner Gedenkstein neben der Sakristeitür eingefügt wurde. Ebenfalls aus Marmor ist der Türstein, der die Widmung der Kapelle angibt: Zu ehren des H Grabs Christi. Wie schon am Anfang gesagt, wird im Inneren nicht der Jerusalemer Grabbau nachgeahmt, sondern der Zentralraum öffnet sich gen Osten, um zwischen zwei Altären den Blick auf die Engelskapelle und die dahinterliegende Grabkammer mit Grabbank freizugeben. Die Altarblätter vom Maler Stephan Kessler (1622–1700) haben Kreuzigung und Kreuzabnahme als Thema. Zu beiden Seiten eines kunstvoll gearbeiteten Eisengitters stehen zwei lebensgroße Wächter des Grabes. Ist das Gitter geöffnet, tritt man in die „Engelskapelle“ ein, die hier aber nur ein Durchgang ist und aus zwei Stufen besteht. Die Grabeshöhle ist wirklich wie eine Höhle gestaltet und verfügt über keine Fenster. Steinmair beschreibt sehr treffend: „… steht man in der Grabeshöhle selbst, so dünkt man sich wie auf einer Theaterbühne: ein in Leim getauchtes Tuch ahmt den gehauenen Grabesfelsen mit Kanten, Ritzen und Vertiefungen nach; der Farbton ist der des grauen Felsgesteins. Auf den Seiten stehen hintereinander schön geschnitzte Bretter wie gehauene Innenansicht Übersichtsplan Grabhöhle Heilige Gräber Heilige Gräber
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